Wechselseitige Bereicherung zwischen Wissenschaft und Musikpraxis

Porträt von Fabian Kolb im Hof der HfMDK Frankfurt
(Photo: Rebecca Hahn)
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Fa­bi­an Kolb stärkt seit dem Win­ter­se­mes­ter als Pro­fes­sor für Mu­sik­wis­sen­schaft die For­schung an der HfMDK. Mit­ge­bracht hat er un­ter an­de­rem ein DFG-Pro­jekt, das sich mit den Wahr­neh­mungs- und Wir­kungs­for­men der Oper in Ber­lin zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts be­schäf­tigt. Rai­ner Heyink stellt ihn vor.

Text: Rai­ner Heyink

Zu Be­ginn des Win­ter­se­mes­ters konn­ten wir Prof. Dr. Fa­bi­an Kolb als neu­en Pro­fes­sor für His­to­ri­sche Mu­sik­wis­sen­schaft an der HfMDK be­grü­ßen. Als viel­sei­tig aus­ge­wie­se­ner Mu­sik­his­to­ri­ker ver­tritt er das Fach in gro­ßer Brei­te mit ver­schie­de­nen For­schungs­schwer­punk­ten in der Mu­sik- und Kul­tur­ge­schich­te vom Mit­tel­al­ter bis in die Ge­gen­wart mit be­son­de­ren Ak­zen­ten u.a. auf dem Mu­sik­thea­ter des 18. bis 20. Jahr­hun­derts, der In­stru­men­tal­mu­sik und der his­to­ri­schen Auf­füh­rungs­for­schung.

„Ein ganz zen­tra­les An­lie­gen sind mir An­schluss­fä­hig­keit, Dia­log und wech­sel­sei­ti­ge Be­rei­che­rung zwi­schen Wis­sen­schaft und künst­le­ri­scher Pra­xis und die Ein­bin­dung mu­sik­his­to­ri­scher For­schung in die ver­schie­de­nen Kon­tex­te der Hoch­schu­le. Hier bie­ten sich an der HfMDK zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten“, be­tont Fa­bi­an Kolb; und spe­zi­ell auch die Leh­re liegt ihm da­bei am Her­zen: „Es geht mir um eine le­ben­di­ge, eben­so le­bens- wie pra­xis­na­he Ver­mitt­lung und Re­fle­xi­on mu­sik­wis­sen­schaft­li­cher In­hal­te. Ak­tua­li­tät und Ge­gen­warts­be­zug mu­sik­ge­schicht­li­cher Phä­no­me­ne und kul­tu­rel­ler Prak­ti­ken und Dis­kur­se und ihre Re­le­vanz für uns und un­se­ren Um­gang mit Mu­sik heu­te sol­len stets deut­lich wer­den.“

Fa­bi­an Kolb stu­dier­te Mu­sik­wis­sen­schaft, Ro­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie an den Uni­ver­si­tä­ten Bonn und Köln, wo er 2010 mit ei­ner Ar­beit zur Sin­fo­nik in Frank­reich um 1900 pro­mo­vier­te. Nach Tä­tig­kei­ten am Köl­ner Mu­sik­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tut so­wie beim Mu­sik­in­for­ma­ti­ons­zen­trum des Deut­schen Mu­sik­rats, war er bis 2021 Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter der Uni­ver­si­tät Mainz. Dort ha­bi­li­tier­te er sich 2018 mit ei­ner Stu­die zur In­stru­men­tal­mu­sik­kul­tur zwi­schen Spät­mit­tel­al­ter und Frü­her Neu­zeit und nahm zu­letzt Ver­tre­tungs­pro­fes­su­ren an der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg wahr. Sei­ne wis­sen­schaft­li­che Ar­beit schlägt sich in ei­ner rei­chen Vor­trags- und Pu­bli­ka­ti­ons­tä­tig­keit nie­der – schon 2012 ge­wür­digt durch ei­nen Preis der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten und der Li­te­ra­tur Mainz.

An die HfMDK mit­ge­bracht hat er auch ein seit 2018 be­stehen­des Pro­jekt der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG), das sich mit den Wahr­neh­mungs- und Wir­kungs­for­men des Mu­sik­thea­ters am Bei­spiel Ber­lins der 1810er- und 1820er-Jah­re be­schäf­tigt. Im Rah­men des Pro­jekts fin­det am 29. Juni 2022 ein Gast­vor­trag von Prof. Prof. Dr. An­selm Ger­hard an der HfMDK statt, in dem die­ser sei­ne Über­le­gun­gen zum „Ro­man­ti­schen“ bei Spon­ti­ni und zum „Klas­si­schen“ bei We­ber vor­stellt.

Wei­te­re grö­ße­re For­schungs­vor­ha­ben etwa zur Avant­gar­de­kunst des Tanz­thea­ters im Pa­ris der 1920er-Jah­re be­fin­den sich in Vor­be­rei­tung. „Die Stär­kung dritt­mit­tel­fi­nan­zier­ter For­schung aus den Po­ten­zia­len der Hoch­schu­le her­aus wird eine wich­ti­ge Auf­ga­be sein“, so Kolb.

Wei­te­re Zie­le sind die Aus­rich­tung von Ta­gun­gen, Work­shops und Ring­vor­le­sun­gen so­wie die Ver­net­zung mit na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Lehr- und For­schungs­ver­bün­den, wo­bei das Fa­bi­an Kolb gut ver­trau­te Um­feld vor Ort und in der Rhein-Main-Re­gi­on mit sei­nen zahl­rei­chen Mu­sik- und Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen op­ti­ma­le Vor­aus­set­zun­gen bie­tet. „Ich wün­sche mir“, so re­sü­miert Kolb, „dass die Mu­sik­wis­sen­schaft hier am Haus als An­sprech­part­ner, In­spi­ra­ti­ons­quel­le und Kno­ten­punkt für viel­fäl­ti­ge Ak­ti­vi­tä­ten wahr­ge­nom­men wird.“

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2022_Gastvortrag_Prof. Dr. Gerhard
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