Räume schaffen Musik

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Egal aus wel­chem Jahr­hun­dert: Im rich­ti­gen Raum kann alte Mu­sik gar nicht alt klin­gen, fin­det Kris­tin von der Goltz.

Zu­kunft, Raum, Kunst – sind aus mei­ner Sicht in ih­rer De­fi­ni­ti­on kom­plett zeit­los. Mu­sik und der mit ihr ver­bun­de­ne Klang da­ge­gen sind für mich im­mer ein ge­gen­wär­ti­ger Zu­stand. „Ge­gen­wart“ ist mei­ne Emp­fin­dung des­sen, was die Ver­gan­gen­heit mich ge­lehrt hat. Ich bin Mu­si­ke­rin, ge­bo­ren im nörd­li­chen Eu­ro­pa, und spie­le zum größ­ten Teil so­ge­nann­te Klas­si­sche Mu­sik aus der Ver­gan­gen­heit. Die Be­schäf­ti­gung da­mit formt mich und mei­ne Ge­gen­wart. Künst­le­risch spiel­te die „Zu­kunft“ für mich kei­ne zu gro­ße Rol­le. Die Zu­kunft de­fi­nier­te für mich nie „Kunst“ oder „Raum“. Wahr­schein­lich hat die Wahl mei­nes In­stru­ments mit mei­ner per­sön­li­chen Emp­fin­dung zu tun: Das Vio­lon­cel­lo ist in sei­ner Form ein In­stru­ment der Vio­li­nen-Fa­mi­lie. Al­le­samt In­stru­men­te, wel­che sich in ih­rer ur­sprüng­li­chen Form äu­ßer­lich kaum ver­än­dert ha­ben. Ver­än­dert ha­ben sich über die Jahr­hun­der­te die Men­schen, mit ih­rer Äs­the­tik etwa, ih­ren Kul­tu­ren, ih­rer Mu­sik, der Ar­chi­tek­tur, ge­sell­schaft­li­chen Struk­tu­ren.

Die Äs­the­tik des 17. und 18. Jahr­hun­derts und der da­mit ver­bun­de­ne Klang der Mu­sik­in­stru­men­te der Vio­li­nen-Fa­mi­lie un­ter­schei­den sich sehr vom Klang­bild der heu­ti­gen Äs­the­tik (ob­wohl die­se Streich­in­stru­men­te für das Auge kaum ver­än­dert aus­se­hen und so­gar Streich­in­stru­men­te des 18. Jahr­hun­derts im heu­ti­gen Klas­sik-Be­trieb als die bes­ten gel­ten). Es sind das „In­nen­le­ben“ des Streich­in­stru­ments und sei­ne da­zu­ge­hö­ri­gen Darm­sai­ten, wel­che ge­mein­sam mit ei­nem his­to­risch zu­ge­hö­ri­gen Bo­gen ih­ren cha­rak­te­ris­ti­schen Klang er­zeu­gen.

In der Kir­che, am Thea­ter, bei Hof und un­ter frei­em Him­mel: His­to­ri­sche „Ar­beits­räu­me“ der Mu­sik

Der ers­te Ein­druck ist die so­ge­nann­te Dy­na­mik. Stil­emp­fin­den ge­paart mit Tech­nik und In­to­na­ti­on (ei­ner na­tür­li­chen Wahr­neh­mung von Ober­ton­schwin­gung) kön­nen sich in der pas­sen­den Akus­tik zu ei­nem per­fek­ten Klang­bild for­men. Arcan­ge­lo Corel­li (1653-1713) ver­brach­te sei­ne ers­ten Ar­beits­jah­re als Gei­ger in der zwi­schen 1518 und 1589 er­bau­ten Kir­che San Lui­gi de Fran­ce­si in Rom. An­to­nio Vi­val­dis (1678-1741) Va­ter spiel­te als Gei­ger am Mar­kus­dom in Ve­ne­dig. Jo­hann Se­bas­ti­an Bach (1685-1750) ar­bei­te­te u.a. in Arn­stadt als Or­ga­nist und Ge­org Fried­rich Hän­del (1685-1759) er­lern­te das Or­gel­spie­len in der Markt­kir­che in Hal­le. Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart (1756-1791) ver­brach­te im­mer wie­der Zeit im Klos­ter See­on, in wel­chem auch Ora­to­ri­en von ihm auf­ge­führt wur­den.

Alle fünf Mu­si­ker und Kom­po­nis­ten gin­gen wie selbst­ver­ständ­lich mit dem Raum „Kir­che“ als „Ar­beits­raum“ um. Man prob­te und führ­te Kon­zer­te auf. Zeit­gleich gab es Räu­me wie das Tea­tro del­la Sca­la (er­öff­net 1778) in Mai­land, das Queen’s Thea­t­re in Lon­don (1714) so­wie auch die Oper am Gän­se­markt in Ham­burg (1678-1738) – mit 2.000 Sitz­plät­zen galt sie als größ­ter Thea­ter-Raum ih­rer Zeit! Lei­der wur­de sie im Jahr 1764 ab­ge­ris­sen.

Cellistin im Orchester mit historischen Instrumenten
Studierende der Historischen Interpretationspraxis spielen bei der Barocknacht 2022 im Schloss Weilburg.(Photo: Marvin Fuchs)
Barock-Orchester in der Kirche des Schloss Weilburg.
Studierende der Historischen Interpretationspraxis spielen bei der Barocknacht 2022 im Schloss Weilburg.(Photo: Marvin Fuchs)
Zwei Streicher in einem Orchester, das mit historischen Instrumenten besetzt ist.
Studierende der Historischen Interpretationspraxis spielen bei der Barocknacht 2022 im Schloss Weilburg.(Photo: Marvin Fuchs)

Es gab die Mi­li­tär- und Frei­luft­mu­sik, die Stra­ßen­mu­sik (der „Stadt­pfei­fer“), ge­spielt wur­den Mu­sik­in­stru­men­te, wel­che sich akus­tisch un­ter frei­em Him­mel klang­lich durch­ge­setzt ha­ben. Und na­tür­lich gab es die Hö­fi­sche Mu­sik. Fürs­ten- und Kö­nigs­häu­ser, wel­che ei­nen Groß­teil ih­rer Gel­der aus­ga­ben, um die bes­ten Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker an ih­ren Hof zu bin­den. Kon­zer­te müs­sen ein all­wö­chent­li­ches Er­eig­nis ge­we­sen sein. Wir wis­sen, wel­che In­stru­men­te da­mals ge­spielt wur­den. Wir ken­nen vie­le der da­ma­li­gen Räu­me, Thea­ter und Kir­chen. Und wir ken­nen die hand­schrift­li­chen, über­lie­fer­ten Par­ti­tu­ren.

„Alte Mu­sik“: Höchs­tens chro­nis­tisch an­ge­mes­sen

Für mich als Mu­si­ke­rin war es ein be­wuss­ter und na­tür­li­cher Schritt, aus die­sen Ge­ge­ben­hei­ten her­aus mich da­für zu ent­schei­den, mir die Zeit zu neh­men, um das Ba­rock­cel­lo zu er­ler­nen, viel­leicht soll­te ich bes­ser sa­gen, es zu er­kun­den. Ein nie en­den­der Pro­zess, denn die Mu­sik und die da­zu­ge­hö­ri­gen Kom­po­nist*in­nen emp­fin­de ich nicht als „alt“. Chro­nis­tisch mag dies an­ge­mes­sen sein, aber im rich­ti­gen Raum lebt die­se un­fass­bar lei­den­schaft­li­che und emo­tio­nal schö­ne Mu­sik nach wie vor so ak­tu­ell, dass mir der Be­griff „alt“ nicht ad­äquat er­scheint.

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