Der Raum der Zukunft ist ein Teamplayer

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Un­se­re Ar­beits­wel­ten ver­än­dern sich – wel­che Aus­wir­kun­gen hat das auf die Ar­beits­räu­me der Zu­kunft?

TEXT: KERS­TIN HORT-SCHELM

Da­nach ge­fragt, was die Zu­kunft für un­se­re Ar­beits­räu­me bringt und wie sich un­se­re Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on ver­än­dern wird, den­ken wir spon­tan an Home-Of­fice, Sha­red Desk, mo­bi­les Ar­bei­ten, Open Space, vir­tu­el­le Mee­tings und di­gi­ta­le Füh­rung. Die­se Ver­än­de­run­gen sind je­doch nicht wirk­lich The­men der Zu­kunft, son­dern der Ge­gen­wart – sie sind in vie­len In­sti­tu­tio­nen be­reits um­ge­setzt oder wer­den ak­tu­ell ver­han­delt.

Die Di­gi­ta­li­sie­rung von Ar­beits­ab­läu­fen und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­gen und ein ver­än­der­tes Be­wusst­sein für so­zi­al aus­ge­wo­ge­ne Ar­beits­be­din­gun­gen ha­ben die Vor­aus­set­zun­gen ge­schaf­fen, die Ar­beits­wel­ten durch Ein­be­zie­hung neu­er Räu­me (Home-Of­fice, Zoom & Co.) zu fle­xi­bi­li­sie­ren. Die Pan­de­mie hat die tat­säch­li­che An­wen­dung die­ser Mög­lich­kei­ten in Deutsch­land er­zwun­gen, auch in den Bas­tio­nen der Prä­senz­kul­tur. Die­se Ent­wick­lung dürf­te un­um­kehr­bar sein, zu­min­dest so­lan­ge der Be­wer­ber­markt Fle­xi­bi­li­tät auf Sei­ten der Ar­beit­ge­ber er­war­tet. Die Mög­lich­keit zum mo­bi­len Ar­bei­ten ist nicht mehr nice to have, son­dern wird in un­se­ren ak­tu­el­len Vor­stel­lungs­ge­sprä­chen von den Be­wer­ber*in­nen als es­sen­ti­el­le Be­schäf­ti­gungs­be­din­gung ver­han­delt.

Al­ter­na­ti­ven sind kein Er­satz

Wel­che Ent­wick­lung neh­men un­se­re Räu­me dar­über hin­aus? Hier ist zu un­ter­schei­den zwi­schen rea­lem und vir­tu­el­lem Raum. Letz­te­rer hat sich be­währt und wird blei­ben, je­doch nur als Al­ter­na­ti­ve und nicht als Er­satz, auch nicht in ei­ner noch so um­fas­send di­gi­ta­li­sier­ten Ar­beits­welt. Die Qua­li­tät von Vi­deo­kon­fe­ren­zen mag sich ver­bes­sern, die Tech­nik ei­nes Ta­ges viel­leicht un­ge­zwun­ge­ne­re, also stimm­über­la­ger­te Ge­sprä­che er­mög­li­chen. Viel­leicht wird die Macht der zu­fäl­li­gen Be­geg­nung in Zu­kunft kein Pri­vi­leg des rea­len Rau­mes mehr sein, wenn sich un­se­re Ava­tare auf den Flu­ren ei­nes vir­tu­el­len Ge­bäu­des be­geg­nen kön­nen. Aber der gänz­li­che Ver­zicht auf den per­sön­li­chen Aus­tausch in Prä­senz mu­tet we­ni­ger vi­sio­när als dys­to­pisch an, in­so­fern wird auch zu­künf­tig der rea­le Raum un­se­re Ar­beits­kul­tur do­mi­nie­ren.

Dem rea­len Raum steht ein er­heb­li­cher Wert- und Be­deu­tungs­zu­wachs be­vor. Raum wird in der Er­rich­tung (Bau­kos­ten)
und im Un­ter­halt (En­er­gie­kos­ten) teu­rer und da­mit knap­per. Auch aus Nach­hal­tig­keits­ge­sichts­punk­ten  (Res­sour­cen­ver­brauch) wird ein spar­sa­mer Um­gang mit Raum ein Ge­bot der Zu­kunft sein. Für Hoch­schu­len als res­sour­cen­in­ten­si­ve Or­ga­ni­sa­tio­nen ei­ner­seits und In­sti­tu­tio­nen mit ge­sell­schaft­li­chem Auf­trag und Vor­bild­cha­rak­ter an­de­rer­seits wird der nach­hal­ti­ge Um­gang mit ih­ren Räu­men sehr re­le­vant wer­den.

Nut­zung statt Be­sitz ist das neue Cre­do

Je wert­vol­ler Raum je­doch ist, des­to wich­ti­ger wird sei­ne ge­rech­te Ver­tei­lung und Nut­zung, des­to in­ak­zep­ta­bler wird Leer­stand – so­wohl in Leh­re als auch Ver­wal­tung. Für eine gleich­mä­ßi­ge Aus­las­tung der Räu­me im Sin­ne ei­ner Teil­ha­be al­ler ist eine Än­de­rung des Mind­sets er­for­der­lich: Nut­zung statt Be­sitz ist das neue Cre­do, „mein“ Raum wird zu „un­ser“ Raum. Raum wird aus­schließ­lich nach sach­li­chen und fach­li­chen Be­dar­fen ver­teilt und be­legt wer­den, und nicht nach Ge­wohn­hei­ten oder hier­ar­chi­scher Po­si­ti­on. Der gro­ße Raum als Sta­tus­sym­bol ist out, eben­so wie eine Dis­kus­si­on dar­über, wel­chen Füh­rungs­kräf­ten drei- statt zwei­ach­si­ge Räu­me zu­ste­hen.

Die Ent­wick­lung der „Ver­ge­sell­schaf­tung“ der Räu­me könn­te üb­ri­gens ge­boos­tert wer­den von der iden­ti­täts­stif­ten­den
Wir­kung ge­mein­sa­mer Nach­hal­tig­keits­be­mü­hun­gen: Gu­ten Um­gang mit der Res­sour­ce Raum wer­den wir des­to po­si­ti­ver emp­fin­den, je be­wuss­ter wir uns der Ver­ant­wor­tung für den CO2-Fuß­ab­druck der Hoch­schu­le wer­den.

Rauman­ord­nun­gen spie­geln Ver­än­de­run­gen

Auch die An­ord­nun­gen der Räu­me wer­den auf­ge­lo­cker­ter und frei­er: Lan­ge Flu­re mit Ein­zel­bü­ros links und rechts sind Al­bräu­me der Ver­gan­gen­heit, die Zu­kunft bringt eine Zo­nie­rung in ru­hi­ge Rück­zugs­or­te und be­geg­nungs­in­ten­si­ve Plät­ze der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Mul­ti­funk­tio­na­li­tät ge­hört, wo mög­lich, zur selbst­ver­ständ­li­chen Grund­aus­stat­tung. Die Räu­me der Ver­wal­tung wer­den nicht mehr wie in den ver­gan­ge­nen Zei­ten ei­nes Sub­or­di­na­ti­ons­ver­hält­nis­ses zur Leh­re von die­ser se­pa­riert, son­dern mit ihr ver­zahnt.

Man muss nicht den über­stra­pa­zier­ten Be­griff der Agi­li­tät be­mü­hen, um fest­zu­stel­len, dass sich Hier­ar­chi­en wei­ter ver­fla­chen und Zu­sam­men­ar­beit fle­xi­bler ge­stal­tet wer­den wird. Zu­künf­ti­ge Rauman­ord­nun­gen spie­geln die­se Ent­wick­lung und ver­stär­ken sie da­mit zu­gleich.

Wenn wir zu­sam­men­fas­send fest­stel­len, dass Räu­me und ihre Nut­zen­den fle­xi­bler und Räu­me ega­li­tä­rer und so­li­da­ri­scher ge­nutzt wer­den, dann drängt sich als Leit­satz für die Raum­kul­tur der Zu­kunft – und da­mit auch für den Neu­bau – der alt­be­kann­te Drei­klang von Ega­lité, Li­ber­té und Fra­ter­nité auf. Letz­te­re gen­dern wir zu So­li­da­rité. Dies geht in­so­fern gut zu­sam­men, als die Wer­te der Auf­klä­rung von je­her zum ide­el­len Fun­da­ment von Hoch­schu­len ge­hö­ren und auch in Zu­kunft ge­hö­ren müs­sen.

Über die Au­torin

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Schwarz-weiß Bild einer jungen Frau, die im Foyer der HfMDK an einem Geländer hängt, wie an einer Turnstange.
(Foto: Maximilian Borchardt)

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