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Stif­tungs­gast­pro­fes­so­rin Liza Lim über ihre Auf­fas­sung von Em­power­ment jun­ger Künst­ler*in­nen.

IN­TER­VIEW: DR. KA­RIN DIET­RICH

Ka­rin Diet­rich: Was ist dir – als Kom­po­nis­tin, For­sche­rin und Päd­ago­gin – be­son­ders wich­tig, um jun­ge Men­schen zu stär­ken?

Liza Lim: Ich möch­te jun­ge Kom­po­nie­ren­de er­mu­ti­gen, ihre ei­ge­ne Stim­me zu fin­den, ein Ge­fühl der Prä­senz in sich zu ent­de­cken, das ih­nen ge­hört. Des­halb lege ich auch kei­nen be­son­de­ren Wert auf be­stimm­te sti­lis­ti­sche An­sät­ze. Vie­le, mit de­nen ich zu­sam­men­ge­ar­bei­tet habe, kom­po­nie­ren in ganz an­de­ren Sti­len als ich. Ei­ni­ge Stu­die­ren­de müs­sen sich in die Rol­le der Lehr­per­son hin­ein­ver­set­zen, um et­was auf­zu­neh­men, und dann die­se ge­lie­he­nen Ge­wän­der wie­der ab­le­gen. Mir scheint es aber sinn­vol­ler, dass je­mand et­was tech­nisch Un­be­hol­fe­nes macht, das den ei­ge­nen per­sön­li­chen Aus­druck wi­der­spie­gelt. Um her­aus­zu­fin­den, wer man ist, muss man viel an sich ar­bei­ten; es kann sehr schmerz­haft, ver­wir­rend und un­an­ge­nehm, aber auch freud­voll sein. Je­den­falls den­ke ich, dass das der ein­zi­ge Weg ist, zu wach­sen – so­wohl mu­si­ka­lisch als auch per­sön­lich. Es geht dar­um, den in­ne­ren Kom­pass und das in­ne­re Zu­hö­ren zu stär­ken, denn die Welt ist vol­ler Bot­schaf­ten und Kräf­te, die ei­nen in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen zie­hen. Da kann man sich leicht ver­ir­ren.

Liza Lim
(Foto: Astrid Ackermann)

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Liza Lim ist Komponistin, Pädagogin und Forscherin, deren Musik sich auf kollaborative und transkulturelle Praktiken konzentriert. 2024 ist sie von Opus Klassik zum Composer of the Year gekürt worden. Als Stiftungsgastprofessorin kam sie im Studienjahr 2024/25 für drei Arbeitsinseln an die HfMDK Frankfurt. Zum Abschluss der letzten Arbeitsinsel gibt es am 30. April 2025 im Rahmen der Neuen Musik Nacht ein Porträtkonzert mit Liza Lims Werken.

Wie un­ter­stützt du ins­be­son­de­re Frau­en auf ih­rem künst­le­ri­schen Weg?

Frau­en wa­ren in der Kom­po­si­ti­on his­to­risch ge­se­hen un­ter­re­prä­sen­tiert und sys­te­ma­tisch aus­ge­grenzt, und ihre Leis­tun­gen wur­den nicht aus­rei­chend an­er­kannt oder aus­ge­löscht. Lei­der ist das in al­len Be­rei­chen der Kunst und Wis­sen­schaft so, und ich fin­de, dass der po­si­ti­ve Wan­del nur lang­sam und un­gleich­mä­ßig vor­an­schrei­tet, ob­wohl es in den letz­ten zehn Jah­ren auch in der zeit­ge­nös­si­schen klas­si­schen Mu­sik deut­li­che Fort­schrit­te ge­ge­ben hat. Ash Fu­res Ar­beit mit GRID in Darm­stadt 2016 war ein Durch­bruch in der Be­wusst­seins­bil­dung und -stär­kung, der für mei­ne ei­ge­ne Ar­beit in die­sem Be­reich sehr wich­tig war.

Liza Lim unterrichtet lächelnd zwei Studierende, die hinter ihren Notenpulten sitzen
Liza Lim im Workshop mit Studierenden der HfMDK.(Photo: Marvin Fuchs)

Wel­che Auf­ga­ben ha­ben da­bei Hoch­schu­len und die Ge­sell­schaft im All­ge­mei­nen?

Man kann mit In­stru­men­ten wie Quo­ten und der Schaf­fung spe­zi­fi­scher Mög­lich­kei­ten recht schnell Er­geb­nis­se er­zie­len, das habe ich mit dem Pro­gramm „Com­po­sing Wo­men“ am Syd­ney Con­ser­va­to­ri­um of Mu­sic ver­sucht. Er­mu­ti­gend an die­ser Ar­beit ist, dass die Or­ga­ni­sa­ti­on von dem, was ich als „Ver­än­de­rung ers­ter Ord­nung“ be­zeich­ne – es ka­men mehr Frau­en in das Sys­tem, so­dass die Din­ge viel­fäl­ti­ger aus­sa­hen – zu ei­ner „Ver­än­de­rung zwei­ter Ord­nung“ wur­de. Vie­le Ab­sol­ven­tin­nen des Pro­gramms ha­ben jetzt fes­te Stel­len als Do­zen­tin­nen und trei­ben ihre kom­po­si­to­ri­sche Kar­rie­re vor­an. Hier se­hen wir also ei­nen stär­ke­ren struk­tu­rel­len Wan­del: Frau­en über­neh­men Füh­rungs­rol­len, un­ter­rich­ten, lei­ten, ku­ra­tie­ren, er­hal­ten Auf­trä­ge, d. h. sie neh­men Raum ein und ha­ben mehr Macht, wei­te­re Ver­än­de­run­gen zu be­wir­ken. „Ver­än­de­run­gen drit­ter Ord­nung“ (und „n-ter“ Ord­nung) sind wei­te­re Pro­zes­se, bei de­nen die Sys­te­me auf­grund der Prä­senz viel­fäl­ti­ge­rer Per­spek­ti­ven be­gin­nen, neue Prio­ri­tä­ten zu „den­ken“.

Aber es ist selt­sam, dass wir im Jahr 2025 im­mer noch Ar­gu­men­te da­für vor­brin­gen müs­sen, dass die Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung das Recht auf ein er­füll­tes Le­ben ha­ben soll­te ... und zu­tiefst trau­rig, dass sich die Grund­rech­te der Frau­en vie­ler­orts wie­der zu­rück­ent­wi­ckeln.

Es ist mei­ner Mei­nung nach von ent­schei­den­der Be­deu­tung für Wachs­tum und Stär­kung, dass man Raum zum Ex­pe­ri­men­tie­ren und Schei­tern er­hält und im­mer aufs Neue ver­su­chen kann, her­aus­zu­fin­den, was funk­tio­niert. Ich wür­de sa­gen, dass of­fe­ne Struk­tu­ren für Zu­sam­men­ar­beit und spe­ku­la­ti­ve Ar­beit für tief­grei­fen­des Ler­nen un­glaub­lich wert­voll sind. Mein per­sön­li­cher Er­folg kam nur zu­stan­de, weil ich vie­le Din­ge aus­pro­bie­ren konn­te. Ich habe vie­le „Miss­erfol­ge“ er­lebt und un­zäh­li­ge Feh­ler ge­macht und ma­che sie im­mer noch. Die Per­spek­ti­ve, dass et­was, das „nicht funk­tio­niert“, zu et­was Funk­tio­nie­ren­dem führt, ist sehr nütz­lich. Sich mit die­ser Ver­letz­lich­keit aus­ein­an­der­zu­set­zen, hilft auch mit dem Le­ben im All­ge­mei­nen.

Mehr In­for­ma­tio­nen zu Gen­der Re­se­arch in Darm­stadt.

Die Fra­gen stell­te

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