Masterplan

interview

Honne Dohrmann agiert als Direktor von tanzmainz wie ein Erfinder, schreibt Prof. Katja Schneider. Unter seiner Leitung findet vom 16. bis 19. Juni in Mainz der Tanzkongress statt. Ein Ort des Austauschs und Lernens für die Szene – auch HfMDK-Studierende aus dem MA CoDE sind am Programm beteiligt.

Interview: Katja Schneider

Er meldet sich von den Swiss Dance Days in Basel, um unseren Gesprächstermin zu bestätigen. Zu solchen Veranstaltungen zu reisen, Vorstellungen zu sehen, interessante Künstlerinnen und Künstler zu entdecken, Gastspielauftritte persönlich anzubahnen, das ist für Honne Dohrmann, Direktor von tanzmainz, „berufliches Lebenselixier“. Das habe er sich von seiner Zeit als Veranstalter erhalten, sagt er, der sich immer als Projektentwickler verstanden und nie selbst getanzt oder choreographiert hat. Honne Dohrmann gehört zu der kleinen, langsam  wachsenden Gruppe von Tanzdirektorinnen und -direktoren, die ihr Ensemble kuratorisch leiten. Bei ihm fließen Erfahrungen als Programmdirektor der kollektiv organisierten Kulturetage Oldenburg mit der Programmation von Festivals unter anderem auf Kampnagel und in Bremen zusammen und verbinden sich mit Tätigkeiten in Kulturmanagement und Dramaturgie. Er wurde Leiter von nordwest/Tanzcompagnie Oldenburg & Tanztheater Bremen und wechselte schließlich 2014/2015 nach Mainz.

Porträt von Honne Dohrmann vor einer schwarzen Wand.
Honne Dohrmann ist seit der Spielzeit 2014/15 Direktor des zum Staatstheater Mainz gehörenden Ensembles tanzmainz und Künstlerischer Leiter des tanzmainz festivals. Er ist Mitglied im Kuratorium der Gesellschaft der Freunde und Förderer der HfMDK.(Foto: Andreas Etter)

Welcher Sprung in der Laufbahn war der größte und weiteste?

Honne Dohrmann: Es gab zwei wichtige Sprünge: Der Sprung vom Fernsehen in das Theater-Kollektiv der Kulturetage. Als ich gefragt wurde, ob ich dazukommen wolle, war meine Karriere als Sportjournalist gerade richtig losgegangen. Es war eine krasse Entscheidung, aber ich bin meinem Herzen gefolgt, und für ein paar Jahre war die Kulturetage der paradiesischste Ort auf Erden. Der zweite große Sprung war der vom Tanzveranstalter zum Tanzdirektor. Das war ein deutlich größerer Unterschied, als ich gedacht hatte.

Sein Umfeld zu analysieren, Strukturen zu vergleichen und in Frage zu stellen sowie zu überlegen, welche neuen Möglichkeiten des Arbeitens man ausprobieren könnte, das treibt Dohrmann immer noch an. Schon in Oldenburg begann er an einer zukunftsweisenden Stellschraube von Tanzkompanien zu drehen, er wollte, dass auch eine Stadt- oder Staatstheaterkompanie so selbstverständlich auf Tour gehen können müsste wie Ensembles der freien Szene. „Das war damals schon der Masterplan“, sagt er. Es klingt einfacher, als es ist, denn das Reisen hat Konsequenzen für das Haus. Man braucht eine externe Technikcrew, jemand muss das Tourmanagement machen, alles muss finanziert werden, und die Disposition darf nicht völlig in sich zusammenfallen.

Warum war und ist das Touring so wichtig für eine Kompanie wie tanzmainz, die doch vor allem das Publikum vor Ort erreichen soll?

Honne Dohrmann: Gerade in einer mittelgroßen Stadt wie Mainz muss man Strategien entwickeln, um außergewöhnlich gute Tänzerinnen und Tänzer zu gewinnen, die sonst vielleicht in den Hauptstädten der Welt tanzen würden. Im Theater regelt sich ja nichts über Geld, so wie es vielleicht im Fußball der Fall ist. Entscheidend sind deshalb weiche Faktoren, dass man sich weiterentwickeln kann, gesehen wird, reisen kann, einen respektvollen Umgang miteinander pflegt, und dass man an Neukreationen mitwirkt. tanzmainz übernimmt keine Stücke, jedes Stück, das hier gespielt wird, ist mit unserem Ensemble erarbeitet worden. Dass wir ein „Place of Creation“ sind, macht tanzmainz attraktiv für gute Leute, und die wiederum braucht man, um für außergewöhnliche Choreographen und Choreographinnen interessant zu sein.

Im Repertoire von tanzmainz befinden sich bislang drei Stücke der höchst erfolgreichen israelischen Choreographin Sharon Eyal. Das sind Aushängeschilder, mit denen die 22-köpfige Kompanie nach Paris, Berlin oder Rom eingeladen wird und die Tänzerinnen und Tänzer nach Mainz locken – statt nach Göteborg oder Den Haag. In dieser Spielzeit kreierte Eyal „Promise“, gerade hatte „Sphynx“ von Rafaële Giovanola Premiere, die wie tanzmainz selbst auf der prestigeträchtigen Tanzplattform Deutschland 2020 vertreten war. Als dritte Premiere lud Honne Dohrmann Koen Augustijnen und Rosalba Torres Guerrero ein – beide lange mit den belgischen Les Ballet C de la B assoziiert –, um einen neuen „Sacre“ für Mainz zu choreographieren.

Welche Tänzer und Tänzerinnen braucht tanzmainz? Welche Erwartungen gibt es an zukünftige Mitglieder?

Honne Dohrmann: Sie müssen die technischen Grundlagen haben, gleichermaßen im Klassischen wie im  Zeitgenössischen versiert sein, und sie müssen auf der Bühne glaubwürdig sein. Das Schwierigste ist, große Individualisten zu finden, die zugleich in hohem Maße teamfähig, sprachfähig sind darüber, wie wir miteinander umgehen, wohin wir uns entwickeln wollen. Seit über drei Jahren arbeiten wir mit Fabienne Bill zusammen, einer Coachin, die uns dabei hilft, diese Potentiale zu entwickeln. Alle im Ensemble geben Interviews, und alle wissen, dass jede und jeder für die ganze Kompanie sprachfähig sein sollte. Das macht stark. Das Ensemble hat Einfluss und ist selbstbewusst, und das soll auch so sein.

Um Tanzkompanien zukunftsfähig zu machen, muss man an mehreren Stellschrauben drehen: Dazu zählt die stärkere Diversifizierung von Häusern und Publikum. Die Schiene justmainz erreicht viele Kinder und Jugendliche. Schwieriger sei es zum Beispiel, People of Color mit einer starken zeitgenössischen und auch klassischen Ausbildung zu finden, da sie, so Dohrmann, „zahlenmäßig unterrepräsentiert“ seien.

Das heißt, was ist zu tun?

Honne Dohrmann: Da müssen wir darüber nachdenken, ob unsere Ästhetik so noch stimmt, ob wir die Balletttechnik tatsächlich immer brauchen. Im Moment denke ich ja, denn wir sind in einer kleineren Stadt, da ist es unsere Aufgabe, unterschiedliche Stile zu zeigen und das Publikum mit einem breiten choreographischen Portfolio bekannt zu machen. Wir sind auch im Dialog mit den Ausbildungsinstituten, denn sie sind mitentscheidend für die Diversifizierung der Ensembles.

Solchen und anderen Fragen nachzugehen, das ermöglicht der Tanzkongress, ein Leuchtturmprojekt der Szene, der im Juni 2022 von Honne Dohrmann, tanzmainz und dem gesamten Theater ausgerichtet werden wird. Er steht unter dem Motto „Sharing Potentials“, ein Lieblingsmotto des Ballettdirektors, Kapazitäten zu analysieren und zu überprüfen: Was hat man, was braucht man, was kann man teilen? Um zukunftsfähig zu bleiben.

Die Fragen stellte

Porträt von Katja Schneider
(Foto: Lorna Lüers )

Prof. Dr. Katja Schneider

ProfessurTanzwissenschaft

Prof. Dr. Katja Schneider

ProfessurTanzwissenschaftFB3 Darstellende Kunst
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Porträt von Katja Schneider
(Foto: Lorna Lüers )

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Der Schriftzug MA CoDE auf pinkem Hintergrund
(Foto: HfMDK)

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Die Studierenden des MA CoDE führen am 17. Juni ein eigens für den Tanzkongress entwickeltes Vermittungsprojekt für Jugendliche durch. Die Workshops in:sight finden im Themenmodul „Co-creating With Communities“ statt. Der Tanzkongress wird ausgerichtet vom Staatstheater Mainz, zusammen mit der Kulturstiftung des Bundes und der Stadt Mainz unter der Leitung von Honne Dohrmann.

Der Studiengang

Eine junge Frau liegt mit geschlossenen Augen auf dem Boden, im Hintergrund ist eine zweite Person zu sehen, die ebenfalls mit geschlossenen Augen auf dem Boden liegt.
(Foto: Laura Brichta)

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Bereit für die Welt? In der neuen Ausgabe unseres Magazins wagen wir den Blick nach vorn: Es geht um die Klimakrise und ihre Auswirkungen auf Kunst und Leben, um zukunftsweisende Strukturen an Theatern und Orchestern, um neue Studienmöglichkeiten und um den Kulturbetrieb „nach Corona“. Und wir fragen Studierende nach ihren Plänen – ein Stimmungsbild zwischen Vorfreude und Berufsrealität, Motivation und Ungewissheit.

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