Ac­ting Out Mu­sic

Ent­wick­lung me­tho­di­scher Werk­zeu­ge für die Ar­beit mit Kam­mer­mu­sik­ensem­bles mit­tels Über­tra­gung von An­sät­zen aus der Schau­spiel­me­tho­dik

Foto Acting out music
(Photo: Bernhard Siebert)

Be­schrei­bung

Das For­schungs­pro­jekt „Ac­ting out mu­sic – was wir spie­len, war­um und wie“ setzt sich mit der Fra­ge aus­ein­an­der, in­wie­fern Me­tho­den aus dem Schau­spiel den künst­le­ri­schen Pro­zess von Mu­si­ker*in­nen be­rei­chern kön­nen.

Da­bei wer­den Tech­ni­ken und Me­tho­den in die En­sem­ble - und In­ter­pre­ta­ti­ons­ar­beit von Kam­mer­mu­sik­grup­pen in­te­griert, die Schau­spie­ler*in­nen in der Ar­beit an der Rol­le an­wen­den. Au­ßer­dem wird er­probt, in­wie­weit Part­ner­spiel-Übun­gen aus Schau­spiel­me­tho­den die In­ter­ak­ti­on in den En­sem­bles be­le­ben und Spon­ta­nei­tät in der mu­si­ka­li­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on för­dern kön­nen.

Die­ser in­ter­dis­zi­pli­nä­re An­satz scheint sinn­voll an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass sich bei­de Dis­zi­pli­nen – Schau­spiel und Mu­sik – mit ei­ner ähn­li­chen Auf­ga­ben­stel­lung kon­fron­tiert se­hen: der In­ter­pre­ta­ti­on von Text, d.h. der Auf­ga­be, das Ver­hält­nis von fi­xier­tem Text und des­sen In­ter­pre­ta­ti­on in­di­vi­du­ell aus­zu­lo­ten und auf der Büh­ne sinn­haft wer­den zu las­sen.

In­ter­pre­ta­ti­on setzt in bei­den Dis­zi­pli­nen so­wohl die Fä­hig­keit ge­nau­en Le­sens und De­chif­frie­rens des vom Au­tor Ge­schrie­be­nen und des Iden­ti­fi­zie­rens des Nicht-Ge­schrie­be­nen vor­aus als auch die Fä­hig­keit, die­sen Ver­ste­hens­pro­zess ak­tiv, in­tui­tiv und mit künst­le­ri­scher Fan­ta­sie im Spiel um­zu­set­zen.

Zu­dem in­ter­es­siert im Kon­text die­ses For­schungs­pro­jekts die Rol­le des En­sem­bles als ei­nes Kol­lek­tivs von In­di­vi­du­en, de­ren künst­le­ri­sche Po­ten­tia­le in mög­lichst um­fas­sen­der Wei­se zur Ent­fal­tung kom­men sol­len. Im Mit­tel­punkt steht die ge­mein­sa­me Ent­wick­lung der In­ter­pre­ta­ti­on.

Zie­le

Als Ziel mu­si­ka­li­scher In­ter­pre­ta­ti­ons­ar­beit lässt sich aus­ma­chen: den in­di­vi­du­el­len Aus­druck so ins Ver­hält­nis zum ge­spiel­ten Werk zu set­zen, das des­sen Po­ten­ti­al in mög­lichst um­fäng­li­cher Wei­se ent­fal­tet wird.

„Ac­ting out mu­sic“ hat sich zum Ziel ge­setzt, im Pro­zess die­ser Ar­beit die in ei­ner an­de­ren Dis­zi­plin er­prob­ten und er­folg­rei­chen Pfa­de zu nut­zen und da­mit das Me­tho­den­spek­trum für die Ar­beit in Kam­mer­mu­sik­grup­pen zu er­wei­tern.

Um­set­zung

Im Rah­men von „Ac­ting out mu­sic - was wir spie­len, war­um und wie“ ar­bei­tet das For­schen­den- und Do­zie­ren­den­team mit ei­ner Grup­pe von 16 Stu­die­ren­den in acht Kam­mer­mu­sik­grup­pen. Da­bei fin­det der größ­te Teil der Ar­beit in den je­wei­li­gen En­sem­bles statt, Warm-ups und ei­ni­ge Übun­gen auch in der Ge­samt­grup­pe.

Die Ar­beit des in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Leh­ren­den­teams - Prof. Mar­tin Nach­bar (Sze­ni­sche Kör­per­ar­beit), Prof. Hans­ja­cob Sta­emm­ler (Kam­mer­mu­sik), Prof. Ste­pha­nie Win­ker (Flö­te), Marc Prätsch (Rol­len­stu­di­um), Prof. Dr. To­bi­as Bleek (als Gast, Mu­sik­wis­sen­schaft) - mit den 16 Stu­die­ren­den er­folg­te im Rah­men ei­nes Ein­füh­rungs­ta­ges am 13.01.2025 und ei­nes Ar­beits­wo­chen­en­des in der Lan­des­mu­sik­aka­de­mie Schlitz vom 21.-23.02.2025. Das Pro­jekt fin­det sei­nen Ab­schluss in ei­ner Ver­an­stal­tung in der HfMDK am 09.07.2025.

Das Pro­gramm des Pro­jekts ba­siert auf drei Säu­len: Prak­ti­sche Ar­beit, Re­flek­ti­on, Do­ku­men­ta­ti­on. Alle durch­ge­führ­ten Übun­gen so­wohl in der Ge­samt­grup­pe als auch in den Ein­zel­ensem­bles wer­den per Vi­deo do­ku­men­tiert. Die Stu­die­ren­den füh­ren wäh­rend der Dau­er des Pro­jekts Pro­ben­ta­ge­bü­cher. Zu­dem wer­den die ein­zel­nen me­tho­di­schen Be­stand­tei­le wie auch das Ge­samt­pro­jekt eva­lu­iert.

Im Fo­kus der For­schungs­ar­beit ste­hen drei Me­tho­den, die im künst­le­ri­schen Pro­zess der En­sem­bles er­probt wur­den.

  1. „Source­tu­ning“. Die von Jens Roth ent­wi­ckel­te Schau­spiel­tech­nik zielt dar­auf ab, in­tui­ti­ve Zu­gän­ge zur Rol­le zu ent­wi­ckeln, die im Mo­ment des Spiels auf der Büh­ne ab­ge­ru­fen wer­den. Im mu­si­ka­li­schen In­ter­pre­ta­ti­ons­pro­zess wird die­se auf ei­ner sen­si­bi­li­sier­ten Kör­per­wahr­neh­mung ba­sie­ren­den Tech­nik auf Mo­ti­ve/ The­men an­ge­wandt. Source­tu­ning öff­net Mög­lich­kei­ten in­tui­ti­ven Ver­ste­hens emo­tio­nal-psy­cho­lo­gisch kom­ple­xer mu­si­ka­li­scher Ele­men­te und Si­tua­tio­nen. Auch zeig­te sich die Eig­nung der Tech­nik in Be­zug auf die Be­zü­ge von Mo­ti­ven/ The­men zu­ein­an­der und der Rol­len­ver­hält­nis­se in­ner­halb des En­sem­bles.
  2. „Psy­cho­lo­gi­sche Ges­te“. Die von Mi­chail Čechov als Pro­ben­me­tho­de ent­wi­ckel­te Tech­nik zielt dar­auf ab, Er­le­ben aus Ver­kör­pe­rung zu ge­ne­rie­ren. Die psy­cho­lo­gi­sche Ges­te führt im Pro­ben­pro­zess zu ei­nem in­ten­si­ve­ren Zu­gang zum In­nen­le­ben und den Mo­ti­va­tio­nen der Rol­le. In der Auf­füh­rung ist sie für den Zu­schau­er nicht sicht­bar, bleibt je­doch als er­in­ner­te, ab­ruf­ba­re In­spi­ra­ti­ons­quel­le Teil des Spiels. Im Par­ti­tur­stu­di­um wer­den wich­ti­ge, für das Werk kon­sti­tu­ie­ren­de Mo­ti­ve iden­ti­fi­ziert und in die Psy­cho­lo­gi­sche Ges­te um­ge­setzt. Die Ges­te hat das Er­le­ben des psy­cho­lo­gi­schen Ge­halts mu­si­ka­li­scher Mo­ti­ve und The­men­kon­stel­la­tio­nen zur Fol­ge und för­dert de­ren in­tui­ti­ves Ver­ste­hen.
  3. „Sze­ni­sche Im­pro­vi­sa­ti­on“. Nar­ra­ti­ve und Bil­der, die im künst­le­ri­schen Pro­zess von den En­sem­ble­mit­glie­dern ent­wi­ckelt wur­den, wer­den in sze­ni­scher Im­pro­vi­sa­ti­on um­ge­setzt. Die durch die­se ex­pe­ri­men­tel­le Form von Ver­kör­pe­rung ge­sam­mel­ten psy­cho­phy­si­schen Er­fah­run­gen be­le­ben an­schlie­ßend die Spiel­fan­ta­sie der Spie­len­den und ver­lei­hen der Aus­for­mung der In­ter­pre­ta­ti­on mehr Plas­ti­zi­tät und der In­ter­ak­ti­on im En­sem­ble mehr Le­ben­dig­keit.

Die­se Me­tho­den und Tech­ni­ken wer­den in der werk­be­zo­ge­nen Ar­beit mit den Ein­zel­ensem­bles ver­wen­det.

In der Ge­samt­grup­pe wer­den au­ßer­dem nicht-werk­be­zo­ge­ne Übun­gen er­probt. Das Part­ner- und En­sem­ble­spiel wird auf spie­le­ri­sche Wei­se durch die Übung „The Game about the sock“ nach Phil­ip­pe Gau­liér adres­siert. In Hin­füh­rung auf die in der werk­be­zo­ge­nen Ar­beit zen­tra­le Tech­nik der psy­cho­lo­gi­schen Ges­te wird die Grup­pen­übung „Sound Ges­tu­re“ ein­ge­führt.

Er­geb­nis­se und Er­kennt­nis­se

Der­zeit be­fin­det sich das Pro­jekt in der Pha­se der Aus­wer­tung der ge­sam­mel­ten Da­ten aus Eva­lua­ti­on, Vi­deo­do­ku­men­ta­ti­on, Pro­ben­ta­ge­bü­cher. Be­son­de­res Au­gen­merk gilt da­bei dem Vor­her-/ Nach­her­ver­gleich im Spiel der teil­neh­men­den En­sem­bles, die sich je­weils zu­nächst vor Be­ginn, dann am Ende der ex­pe­ri­men­tel­len In­ter­ven­tio­nen in ei­nem Vor­spiel prä­sen­tier­ten.

Stand: Mai 2025

Hans­ja­cob Sta­emm­ler, Mar­tin Nach­bar, Ste­pha­nie Win­ker und Marc Prätsch

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