Schauspiel als demokratische Praxis

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En­sem­ble­mit­glie­der auf Zeit. Das Stu­dio­jahr er­mög­licht den Stu­die­ren­den der HfMDK ein Jahr lang Spiel­erfah­rung im fes­ten En­sem­ble an den Stadt- und Staats­thea­tern der Hes­si­schen Thea­ter­aka­de­mie. Das er­for­dert auf bei­den Sei­ten ein Lear­ning by Do­ing und den Aus­tausch auf Au­gen­hö­he.

Schauspieler*innen auf der Bühne bei "Jupiter brüllt"
Schauspiel-Studentin Olivia Salm (links) in der Uraufführung „Jupiter brüllt - Der lange Weg zum Glücksplanet“ am Staatstheater Mainz(Photo: Andreas Etter)

Mit un­glaub­li­chem En­thu­si­as­mus kom­men sie jähr­lich an un­se­re Hoch­schu­le: Durch­schnitt­lich 350 Be­wer­ben­de für die Auf­nah­me­prü­fung, die sich nicht nur an­mel­den, son­dern auch wirk­lich ihre Rol­len prä­sen­tie­ren. Acht von ih­nen wer­den schließ­lich für das Schau­spiel­stu­di­um aus­ge­wählt. Wer ein solch um­fang­rei­ches Aus­wahl­ver­fah­ren hin­ter sich hat, brennt für den Be­ruf, von dem man hofft, dass das zu­künf­ti­ge Ar­beits­feld ei­nem ei­ni­ge gute Chan­cen bie­ten möge. We­nig Geld, aber viel Idea­lis­mus? Das ist al­ler­dings eine alte Rech­nung, die heu­te nicht mehr ohne Wei­te­res auf­geht. Mö­gen die ei­nen oder an­de­ren Thea­ter­lei­ten­den noch ins­ge­heim auf die­se Rech­nung bau­en: Sie hat kei­ne Zu­kunft mehr. Die neue Ge­nera­ti­on er­war­tet, dass ihr Ar­beits­platz all die ge­sell­schaft­li­chen Im­pul­se re­flek­tiert, die in den letz­ten Jah­ren zum The­ma In­ter­sek­tio­na­li­tät und Macht­miss­brauch den öf­fent­li­chen Dis­kurs ge­prägt ha­ben, und das heißt für sie ganz prak­tisch: Sie wün­schen sich ein Thea­ter ohne star­re Hier­ar­chi­en und ei­nen Füh­rungs­stil, der auf Ver­trau­en und Teil­ha­be setzt und dies mit ei­nem ge­rech­te­ren Ga­gen­sys­tem flan­kiert. Ob­wohl die öf­fent­li­chen Sub­ven­tio­nen in den be­las­te­ten Kul­tur­trä­ger*in­nen aus Stadt und Land im­mer knap­per wer­den, Ta­rif­er­hö­hun­gen, stei­gen­de Ma­te­ri­al­kos­ten und In­fla­ti­on die be­weg­li­chen Gel­der für die Thea­ter­pro­duk­tio­nen noch mehr schrump­fen las­sen, ist die kom­men­de Ge­nera­ti­on nicht mehr be­reit, ihre Haut zu Mark­te zu tra­gen, um das Sys­tem ein­fach nur am Lau­fen zu hal­ten. Auch die Thea­ter lei­den an ei­nem Er­schöp­fungs­pro­zess: Die im­mer klei­ner wer­den­den En­sem­bles pro­du­zie­ren schon so viel, dass mehr nicht mög­lich ist; es gibt ei­nen Be­deu­tungs- und Pu­bli­kums­ver­lust für das Thea­ter zu be­kla­gen, vom Fach­per­so­nal­man­gel in Werk­stät­ten und Büh­nen­tech­nik ganz zu schwei­gen. Die Kri­se ist da, auch wenn sie ei­gent­lich kei­ner aus­spre­chen will, und vie­le statt­des­sen fürch­ten, dass je­der wei­te­re Macht­miss­brauch, der in den Thea­tern auf­ploppt, die­ses span­nen­de Me­tier in Ver­ruf bringt.

Frau ist edlem Kostüm zeigt nach vorne.
Rokhi Müller (links) in „Orlando – eine Biografie“ am Schauspiel Frankfurt(Photo: Jessica Schäfer)

Aus der Not ma­chen ei­ni­ge mu­ti­ge Thea­ter­lei­ten­de eine Tu­gend: An vie­len Thea­tern be­ginnt ein Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess. Wie kann die Zu­kunft aus­se­hen? Dazu ge­hört auch, ge­mein­sam aus­zu­han­deln, wie die Zu­sam­men­ar­beit ab­lau­fen soll­te – so ha­ben auch wir im Aus­bil­dungs­be­reich Schau­spiel vor ei­ni­gen Jah­ren mit Leh­ren­den und Stu­die­ren­den un­se­re Leit­li­ni­en der Aus­bil­dung ge­mein­sam for­mu­liert. Dazu ge­hö­ren Ar­beits­zei­ten ge­nau­so wie Exit-Stra­te­gi­en im künst­le­ri­schen Pro­zess, eben­so eine Feh­ler­to­le­ranz auf bei­den Sei­ten, die mit Wert­schät­zung des Ge­gen­übers ver­knüpft ist. Es braucht Kom­mu­ni­ka­ti­on: das ei­ge­ne An­lie­gen zu be­nen­nen, Feh­ler an­zu­er­ken­nen, Grenz­über­schrei­tun­gen auf­zu­zei­gen, nicht gleich zu ver­ur­tei­len und zu po­la­ri­sie­ren. Nur durch ein So­wohl-als-auch ent­steht Ver­trau­en: Ich darf mich zei­gen, Feh­ler ma­chen, Gren­zen mar­kie­ren und doch zu­gleich dem an­de­ren mit Re­spekt be­geg­nen – was nichts an­de­res meint, als ihm die­sel­ben Rech­te und Pflich­ten zu­zu­spre­chen, die glei­cher­ma­ßen mir zu­kom­men. Es ist eine de­mo­kra­ti­sche Pra­xis, die in der Aus­bil­dung ge­übt wird und die die Stu­die­ren­den in ihre zu­künf­ti­gen Ar­beits­plät­ze hin­ein­tra­gen. Das ist zwei­fels­oh­ne ein wich­ti­ger Bei­trag, den die Hoch­schu­le für die Zu­kunft der Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen bei­tra­gen kann.

Drei Personen, singend.
Larissa Voulgarelis (Mitte) in „Als wäre es gestern gewesen“ am Nationaltheater Mannheim(Photo: Christian Kleiner)

Im Aus­bil­dungs­be­reich Schau­spiel be­ginnt es schon mit dem Stu­dio­jahr. Das Stu­dio­jahr ist für un­se­re Stu­die­ren­den ein Leucht­turm der Aus­bil­dung, denn im drit­ten Aus­bil­dungs­jahr ver­brin­gen sie ein Jahr an ei­nem Thea­ter der Hes­si­schen Thea­ter Aka­de­mie (HTA) in Frank­furt, Mainz, Mann­heim, Mar­burg, Gie­ßen oder Wies­ba­den und ste­hen an der Sei­te der Pro­fis auf der Büh­ne. Sie sind En­sem­ble­mit­glie­der auf Zeit. Das ver­heißt: abend­li­che Spiel­erfah­rung, Pro­ben un­ter pro­fes­sio­nel­len Be­din­gun­gen, Kon­tak­te mit Re­gie­füh­ren­den und Schau­spie­len­den, Pro­fi­lie­rung in ei­nem Stadt-und Staats­thea­ter­sys­tem durch den en­gen Kon­takt mit der Thea­ter­lei­tung. Doch Er­war­tun­gen wer­den bis­wei­len auch mal ent­täuscht. Es ent­ste­hen Kon­flik­te, weil Stu­die­ren­de mit zu klei­nen Rol­len be­setzt wer­den oder die Pro­fis sich von ih­nen mehr Un­ter­ord­nung und Leis­tungs­be­reit­schaft wün­schen. Über län­ger als sie­ben Jah­re ha­ben wir trotz­dem ein er­folg­rei­ches Zu­sam­men­spiel zwi­schen un­se­rem Aus­bil­dungs­be­reich und den Thea­tern auf­bau­en und ent­wi­ckeln kön­nen. Im­mer wie­der wur­den mit den Part­ner­thea­tern kri­tisch und di­rekt die Pro­ble­me beim Na­men ge­nannt, aus­ge­wer­tet, ge­schaut, was wir in den ge­mein­sa­men Pro­zes­sen ver­bes­sern kön­nen. Lear­ning by Do­ing heißt, ei­nen Aus­tausch auf Au­gen­hö­he zu pfle­gen, statt sich in ge­gen­sei­ti­gen Schuld­zu­schrei­bun­gen oder Vor­wür­fen zu ver­stri­cken. So wer­den die Stu­die­ren­den des drit­ten Aus­bil­dungs­jahr­gangs von Men­tor*in­nen, je­weils ei­nes Mit­ar­bei­ten­den des Thea­ters und ei­ner Lehr­per­son aus der Hoch­schu­le un­ter­stützt. Sie füh­ren Ge­sprä­che, fan­gen Un­si­cher­hei­ten und Fra­gen der Stu­die­ren­den auf, ge­hen auf Pro­ben, um den Stu­die­ren­den Feed­back zu ge­ben. Es ent­steht ein Be­geg­nungs­raum zwi­schen den Thea­ter­schaf­fen­den von heu­te und den Spie­len­den von Mor­gen. Am Ende kom­men die Stu­die­ren­den mit mehr Selbst­be­wusst­sein als Spie­ler*in­nen zu­rück. Doch am An­fang muss erst ein­mal aus­ge­han­delt wer­den, wel­che*r Stu­die­ren­de war­um an wel­ches Thea­ter kommt, wer wel­che Rol­le spielt und wel­che In­hal­te und Be­set­zun­gen ein zeit­ge­nös­si­sches Thea­ter heu­te ver­tre­ten soll­te. Nur wenn die Thea­ter­lei­tun­gen für ein Jahr die Mit­ver­ant­wor­tung über­neh­men und die Aus­bil­dung der Stu­die­ren­den be­för­dern, an­statt nur „güns­ti­ge En­sem­ble­mit­glie­der“ zu ha­ben, ge­lingt der Aus­tausch: Dann ent­steht Ver­trau­en zwi­schen den Ge­nera­tio­nen und die Stu­die­ren­den er­fah­ren, dass die Thea­ter­lei­tun­gen all­zu oft sel­ber Ent­schei­dun­gen tref­fen müs­sen, die ih­nen von der Kul­tur­po­li­tik vor­ge­ge­ben wer­den. Zeit für Pro­zes­se und Ver­trau­en in das je­wei­li­ge Ge­gen­über sind das, was in der zu­neh­men­den Öko­no­mi­sie­rung der Thea­ter zu­rück­ge­won­nen wer­den muss. Nur dann kön­nen wir der Kunst die Büh­ne ge­ben, die sie ver­dient.

Fra­gen & Kon­takt

Das Stu­dio­jahr Schau­spiel wird freund­lich un­ter­stützt von der Crespo Foun­da­ti­on und der Aven­tis Foun­da­ti­on.

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