GEMA-Reform: FAZ-Gastbeitrag aus der Perspektive der deutschen Musikhochschulen von Elmar Fulda und Christian Fischer

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Zu­kunft für eine zeit­ge­nös­si­sche, für eine her­aus­for­dern­de Mu­sik!

Die GEMA will das Ver­tei­lungs­mo­dell ih­rer Ge­büh­ren­ein­nah­men re­for­mie­ren. Was nach un­spek­ta­ku­lä­rer Wei­ter­ent­wick­lung klingt, hat tat­säch­lich gra­vie­ren­de Fol­gen für die Mu­sik­kul­tur in Deutsch­land. Denn die der­zeit noch reich­hal­ti­ge Di­ver­si­tät von neu ge­schaf­fe­ner Mu­sik wür­de zu­guns­ten ei­nes zu­neh­mend kom­mer­zia­li­sier­ten Main­streams aufs Spiel ge­setzt.

Wenn nur noch eine rein in­kas­so­be­zo­ge­ne Ver­tei­lung der GEMA-Ge­büh­ren­ein­nah­men vor­ge­nom­men wür­de, wie ak­tu­ell ge­plant, sich also die Be­zugs­grö­ße vom Werk auf des­sen Nut­zung ver­schie­ben wür­de, könn­ten jun­ge Kom­po­nis­ten kaum noch hof­fen, ir­gend­wann ein­mal or­dent­li­che Mit­glie­der der GEMA zu wer­den und von Ge­büh­ren­ein­nah­men zu pro­fi­tie­ren, da ihre Wer­ke nur ge­rin­ge Auf­füh­rungs­zah­len ha­ben und ihr Min­dest-Auf­kom­men auf­grund der neu­en Re­ge­lun­gen nicht mehr aus­rei­chen wür­de für eine Mit­glied­schaft. Selbst ein Viel­schrei­ber wie Jo­hann Se­bas­ti­an Bach hät­te da kaum Chan­cen, da er be­kannt­lich fast aus­schließ­lich für den (in­kas­so­ar­men) Be­reich der Kir­chen­mu­sik kom­po­nier­te.

Die GEMA ar­gu­men­tiert, dass die Tren­nung von E- und U- Mu­sik, also der so­ge­nann­ten erns­ten und un­ter­hal­ten­den Mu­sik nicht mehr zeit­ge­mäß sei. Tat­säch­lich in­spi­rier­ten sich bei­de Be­rei­che schon im­mer, griff die Kunst­mu­sik po­pu­lä­re Me­lo­di­en oder For­men auf, sei es bei Mo­zart, Beet­ho­ven, Hin­de­mith oder in der ak­tu­el­len elek­tro­ni­schen Mu­sik, wäh­rend Klang­lich­keit und For­men­spra­che der Kunst­mu­sik in die po­pu­lä­re Mu­sik Ein­gang fan­den, denkt man an Bands wie Kraft­werk. Des­halb un­ter­stüt­zen die Mu­sik­hoch­schu­len eine Aus­wei­tung der För­de­rung auf Be­rei­che, die bis­her als U-Mu­sik gel­ten und we­ni­ger ge­för­dert wur­den.

Der ak­tu­el­le Re­form­vor­schlag wird die Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit nicht ver­bes­sern. Er hät­te viel­mehr zur Fol­ge, dass alle Mit­glie­der, egal ob in der U- oder E-Mu­sik we­ni­ger er­hal­ten. Die Be­din­gun­gen für alle Mu­sik­krea­ti­ven wä­ren dann im­mer­hin, zy­nisch for­mu­liert, gleich, näm­lich gleich schlech­ter. Ge­win­ner wä­ren die Mu­sik­in­dus­trie und glo­bal agie­ren­de Kon­zer­ne. Sie wür­den mehr er­hal­ten. Statt mehr Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit bräch­te die­se Re­form eine Um­ver­tei­lung von un­ten nach oben, von den krea­ti­ven Ge­ring­ver­die­nern hin zu den gro­ßen Ver­wer­tern.

Was die Sa­che zum Är­ger­nis macht: Die Re­form he­belt das So­li­dar­prin­zip aus, das bis­her gilt. Da­bei be­trifft die­ser Be­reich über­haupt nur ei­nen sehr klei­nen Teil der wei­ter­ge­ge­be­nen Ge­büh­ren­ein­nah­men. Wenn die GEMA, wie sie sagt, die Tren­nung von U- und E-Mu­sik über­win­den, ver­meint­li­che Un­ge­rech­tig­kei­ten be­he­ben und die För­de­rung auf an­de­re Be­rei­che er­wei­tern will, da­mit mehr Mit­glie­der, bei­spiels­wei­se aus dem Be­reich ex­pe­ri­men­tel­ler U-Mu­sik pro­fi­tie­ren, dann könn­te sie dies leicht aus dem Ge­samt­topf fi­nan­zie­ren, ohne die Be­din­gun­gen für jun­ge Kom­po­nis­ten von ex­pe­ri­men­tel­ler Mu­sik der­art zu ver­schlech­tern, dass sie kaum noch Fuß fas­sen kön­nen im Be­rufs­feld.

Zeit­ge­nös­si­sche Mu­sik, ganz all­ge­mein Mu­sik, die von ih­ren Zu­hö­ren­den et­was for­dert, wie Hel­mut La­chen­mann es in die­ser Zei­tung for­mu­lier­te, als „un­ver­zicht­ba­re, letzt­lich aber schwie­ri­ge und an­spruchs­vol­le­re Er­in­ne­rung an un­se­re äs­the­ti­schen Be­dürf­nis­se und Neu­gier als Teil un­se­rer geis­ti­gen Ver­sor­gung“, droht nicht we­ni­ger als die Mar­gi­na­li­sie­rung im Mu­sik­le­ben.

Das Mu­sik­land Deutsch­land zog die be­deu­tends­ten in­ter­na­tio­na­len Mu­sik­krea­ti­ven an. Von Bou­lez über Cage bis Gu­bai­du­li­na, auch kom­mer­zi­el­ler aus­ge­rich­te­te Kom­po­nis­ten wie John Adams oder Cross-Over-Spe­zia­lis­ten wie Gun­ther Schul­ler mach­ten hier ihre Kar­rie­ren, weil es För­der­struk­tu­ren und Ver­dienst­mög­lich­kei­ten gab – dank der GEMA. Da­mit wäre es mit der Re­form vor­bei.

Künst­le­ri­sches Wach­sen, Re­flek­tie­ren, eine ei­ge­ne Spra­che fin­den, neu­gie­rig und mu­tig sein, sich im Stu­di­um Zeit las­sen wird künf­tig ab­ge­wer­tet. Nur wer sich schnell kom­mer­zi­ell durch­setzt, kann von der GEMA fi­nan­zi­ell et­was er­war­ten. Und das be­deu­tet im Er­geb­nis, dass der Main­stream sich ver­brei­tert und die kul­tu­rel­le mu­si­ka­li­sche Viel­falt ab­nimmt.

Wie kön­nen jun­ge Stu­die­ren­de, Mu­sik­krea­ti­ve, egal ob im klas­si­schen oder po­pu­lä­ren Be­reich, un­ter die­sen Um­stän­den frei ihre ei­ge­ne künst­le­ri­sche Iden­ti­tät ent­wi­ckeln? Wie kann man künst­le­ri­sche Ar­beit vor dem Zu­griff rein fi­nan­zi­el­ler In­ter­es­sen schüt­zen? Auf all das hat die GEMA bis­her kei­ne Ant­wort ge­ge­ben.

Die deut­schen Mu­sik­hoch­schu­len for­dern die GEMA auf, die Re­form zu ver­schie­ben. Die Mu­sik­hoch­schu­len er­war­ten, dass die Re­form breit mit al­len un­mit­tel­bar Be­trof­fe­nen, auch den im Auf­sichts­rat kaum ver­tre­te­nen Kom­po­nis­ten der Neu­en Mu­sik dis­ku­tiert wer­den und in ih­ren Fol­gen für das Mu­sik­land Deutsch­land be­dacht wer­den.

Die GEMA hat ein Mo­no­pol. Das ver­pflich­tet sie – für die Mu­sik­kul­tur in Deutsch­land, auch für die Zu­kunft der zeit­ge­nös­si­schen Mu­sik!

Die Au­toren

Die Ver­fas­ser des Gast­bei­trags für die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 13. Mai 2025:

El­mar Ful­da ist Prä­si­dent der Hoch­schu­le für Mu­sik und Dar­stel­len­de Kunst in Frank­furt.

Chris­ti­an Fi­scher ist Rek­tor der Hoch­schu­le für Mu­sik Tros­sin­gen und Vor­sit­zen­der der Rek­to­ren­kon­fe­renz der 24 deut­schen Mu­sik­hoch­schu­len.

Un­ter­stützt durch die Prä­si­di­en der deut­schen Mu­sik­hoch­schu­len, die auf ih­rer Som­mer­kon­fe­renz An­fang Mai in Mün­chen auch das The­ma GEMA-Re­form und die mög­li­chen Fol­gen für das Mu­sik­land Deutsch­land dis­ku­tiert ha­ben.