Etwas tun

Udo Schweickhardt in der oberen Ebene des Foyers der HfMDK, er lehnt sich an das Holzgeländer.
(Foto: Rebecca Hahn)

Udo Schweickhardt hat über viele Jahre für die Wirtschaft in RheinMain gearbeitet, heute engagiert er sich für die Kunst: Unter allen Förderinnen und Förderern der HfMDK gehört er zu den aktivsten. Ein Gespräch.

INTERVIEW: Tamara Weise

Was wäre Frankfurt, was wäre die Kunst ohne Förderinnen und Förderer?

Da wäre sicher manches nicht möglich, im Fall der HfMDK würde ich sogar fast sagen, dass es gar nicht anders ginge, auch wenn der Staat die Hochschule eigentlich finanziert. Wer hilft den Studierenden in dieser teuren Stadt? Dazu braucht es uns Förderer.

Das erste, was Sie an der Hochschule gestiftet haben, waren Gutscheine für Noten und Bücher. Eine Studentin beschrieb sie mal als „Geschenk des Himmels“. Wie sehen Sie das?

Ich freue mich, dass die Gutscheine bei den Studierenden so gut ankommen, obwohl es ja nur 200 Euro sind. Viele schreiben mir eine E-Mail, um sich zu bedanken, in letzter Zeit erhalte ich auch immer häufiger Einladungen zu Konzerten – und da gehe ich natürlich hin, wenn ich kann. Es macht mir einfach große Freude, mich mit den jungen Künstlerinnen und Künstlern zu unterhalten und mir von ihnen Dinge erklären zu lassen, die mir als Zuhörer aufgefallen sind. Gäbe es den Kontakt nicht, hätte ich vieles sicher nie erfahren.

Fällt Ihnen immer etwas auf?

Fast immer, weil ich am liebsten in der ersten Reihe sitze. Einmal zum Beispiel lehnte sich eine Pianistin mitten im Konzert mit den Armen aufs Piano und blieb eine gefühlte Ewigkeit liegen. Für mich ein Rätsel, deshalb habe ich sie dann nach dem Grund gefragt. Sie zeigte mir die Stelle in ihren Noten – da war ein Balken und daneben eine kleine Zehn. So viele Sekunden sollte sie liegenbleiben, der Komponist hatte es vorgegeben. Normalerweise würde man mit solchen Fragen allein bleiben, da muss man schon Mitglied der Gesellschaft der Freunde und Förderer sein.

Woher kommt Ihr Interesse an der Kunst, spielen Sie selbst ein Instrument?

Bis zum Abitur habe ich mal Klavier gespielt und bekam auch Unterricht. Aber schon im Studium hatte ich kaum noch Gelegenheit dazu, und später im Beruf hörte es ganz auf. Als ich in Pension ging, war mein fester Plan, es noch einmal zu versuchen – es endete deprimierend. Ich habe dann in der Familie rundgefragt, wer noch Instrumente hat, die er nicht mehr braucht, und alle eingesammelt, inklusive Noten. Die Instrumente habe ich der Jungen Deutschen Philharmonie geschenkt, wo ich auch Mitglied im Freundeskreis bin. Die Noten, bis auf die zu den Weihnachtsliedern, bekam die HfMDK für ihre Bibliothek. Dazu muss ich sagen, dass meine Familie sehr musikalisch war. Meine Großmutter väterlicherseits war Kammersängerin, meine Großmutter mütterlicherseits hat Klavier gespielt, meine Mutter auch, und sie hat außerdem leidenschaftlich gern gesungen: Im Cannstatter Chor war sie Stimmführerin im Sopran und sang dann auch die Solostücke.

Was brachte Sie auf die Idee, Gutscheine für Noten und Bücher zu verschenken?

Der Auslöser war eine kleine Notiz in der Hochschulzeitung über die Vergabe eines kleinen, neu gestifteten Preises. Damals, das ist jetzt gut zehn Jahre her, war ich noch recht neu im Freundeskreis und dachte aber sofort, so etwas mache ich auch. Mit dem Wunsch ging ich dann zu mehreren Professor*innen, und in diesen Gesprächen entstand schließlich die Idee, jedes Semester fünf besonders talentierten, aber bedürftigen Studierenden der Instrumentalklassen einen Notengutschein zu ermöglichen. 2013 war das. Auf die Idee, zusätzlich auch Büchergutscheine zu vergeben, brachte mich fünf Jahre später ein Regiestudent, den ich zufällig bei einer Vernissage in der Schirn traf. Er beklagte sich darüber, dass solche Preise nur an Leute gehen, die ein Instrument spielen.

Wie haben Sie reagiert?

Mich hat das sehr berührt, dabei hatte er ja völlig Recht. Nach dem Gespräch in der Schirn war mir klar, da müssen wir was machen – also verdoppelte ich den Betrag und die Zahl der geförderten Studierenden. Zugang erhalten seitdem bedürftige Studierende aller Fachbereiche. Ich finde bis heute, das läuft alles wirklich gut.

Haben Sie je gezählt, wie viele Studierende Sie auf diese Weise bereits unterstützt haben?

Ich nicht, aber das Fundraising, sie kamen auf 129. Beim Deutschlandstipendium bin ich jetzt seit ungefähr fünf Jahren dabei, da sind die Bindungen häufig enger, weil ich auch Wert darauf lege, die Leute möglichst kennenzulernen. Ich will wissen, wo sie der Schuh drückt. Und mich interessiert auch, was aus ihnen wird. Als zum Beispiel die Corona-Pandemie begann, war das wieder so ein Punkt, an dem ich dachte: Da müssen wir doch etwas tun, das geht so nicht. Viele Studierende wurden ohne Aussicht auf Ersatz von heute auf morgen arbeitslos. Ich bin wirklich froh, dass ich zumindest ein klein wenig mit dazu beitragen konnte, das Corona-Hilfsstipendium zu schaffen.

Welches Thema beschäftigt Sie als Förderer derzeit am meisten?

Ein Dirigier-Atelier, auch darauf hat mich ein Student gebracht, der einen Gutschein bekommen hatte. Im Gespräch fragte er mich: Herr Schweickhardt, wie übe ich dirigieren? Und ich antwortete lapidar: Gründe dein eigenes Orchester, es muss ja nicht groß sein – etwas Besseres fiel mir in dem Moment nicht ein. Später bin ich der Sache aber nachgegangen und habe auch mit Professoren darüber geredet: Die Dirigierstudierenden der HfMDK benötigen mehr Möglichkeiten, mit Klangkörpern zu arbeiten. Izwischen ist das Dirigier-Atelier gestartet – es ist das größte Projekt, das ich je gefördert habe. Ich betrachte es als Ehre.

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