Die Kunst, Grenzen zu setzen
Musik kennt Pausen – und lebt von ihnen. Lina musste das auf schmerzhafte Weise lernen. Zwischen Leidenschaft, Perfektionsanspruch und Dauerbelastung verlor sie den eigenen Rhythmus. Heute setzt sie sich dafür ein, dass Studierende Warnsignale früher erkennen und Hilfe leichter finden.
Text: Katja Sturm
Es war ein Traum, der für Lina (Name von der Redaktion geändert) in Erfüllung ging, als sie die Eignungsprüfung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK) bestand. „Ich dachte, ich würde nie wieder unglücklich sein“, sagt die 28-Jährige. Als Kind hatte sie mit dem Klavierspielen begonnen, weil ihre Mutter eine gute Hobby-Pianistin war und ihren Nachwuchs förderte. Später kam der Gesang dazu. „Ich hatte eine tiefere Stimme als die Freundin, die ich erst nur begleitete“, erzählt Lina. So traten die beiden als Duo auf.
In der Oberstufe reifte der Gedanke, die Leidenschaft zum Beruf zu machen. Als zukünftige Lehrerin habe sie sich damals noch nicht gesehen, sagt Lina. Dennoch fiel ihre Wahl auf ein Schulmusikstudium, weil dieses sehr breit gefächert ist, und sie meinte, sich so einen guten Überblick über all die Möglichkeiten zu verschaffen, die ihr offenstehen könnten. Ein Jahr lang bereitete sie sich in Eigenregie auf die Aufnahmeprüfungen an mehreren Institutionen vor. In Frankfurt wurde sie angenommen. Bis heute sei sie froh darüber: „Die Hochschule ist für mich ein wichtiger Lebensort.“
Mit Sack und Pack zog sie aus der baden-württembergischen Heimat in die hessische Großstadt um. Hier genoss sie das neue Umfeld und alle Möglichkeiten, die ihr der Studiengang bot. Einzel- und Klassenunterricht, Theorie und Praxis. Von Jazzharmonik über Sprecherziehung, Orchester- und Chorleitung bis hin zu Musikwissenschaft und -pädagogik reicht die Palette dessen, was die Studienordnung vorsieht. Dazu kommen die Solositzungen mit den Lehrenden in den einzelnen Schwerpunkten und die gemeinsamen Einheiten mit den Kommiliton* innen. Allein das würde genügen, um den Tag zu füllen; schließlich müsse man auch noch üben und für Aufführungen proben, sagt Lina. Doch als angehende Gymnasiallehrkraft kamen auf sie auch noch die Verpflichtungen im Zweitfach und der Pädagogik hinzu.
Da waren so viele Verlockungen, die auf sie einstürzten, so viele Impulse, die sie bekam, und auf nichts wollte Lina verzichten.
Ihrem Paten habe sie sicherheitshalber einen Entwurf ihres Stundenplans geschickt; er möge mal checken, ob das alles so geht. Angehörige älterer Semester nehmen sich der Neueinsteiger auf freiwilliger Ebene an, stehen ihnen bei Fragen zur Seite. „Er meinte damals, das sei okay“, sagt Lina. Für ihn wäre es das vermutlich auch gewesen.
Warnungen der Lehrenden, sich nicht zu viel aufzuladen, sich auch mal Pausen zu gönnen, überhörte sie. Da waren so viele Verlockungen, die auf sie einstürzten, so viele Impulse, die sie bekam, und auf nichts wollte Lina verzichten. Projekte entstanden, bei denen sie genauso gefragt war wie als Begleiterin an den Tasten. Natürlich zog sie auch mal mit den neuen Bekanntschaften herum, und abends reizten die zahlreichen Konzerte, die es allein schon in der HfMDK gibt. Vor allem gegen Ende des Semesters ballten sich die Termine; Generalproben und Klausuren standen an. Wie viele Stunden sie damals so pro Woche absolvierte? Lina weiß es nicht. Die Anspannung war ein Dauerzustand, „man war fast immer an der Hochschule“, sagt sie. „Der Kopf war die ganze Zeit über voll.“



Ein Semester lang ging das gut, Lina war „total happy“. Dann, als sich das zweite dem Ende zu neigte, fühlte sie sich müde und antriebslos. Der Spaß an dem, was sie so liebte, war nicht mehr vorhanden. Sie schlief schlecht, konnte sich nur noch schwer auf das Gehörte konzentrieren. Einkaufen zu gehen, sich zu überlegen, was sie essen sollte, das erschien ihr schon zu viel. Irgendwann habe sie sich dann einfach in den Zug gesetzt und sei zu ihrer Familie gefahren, statt sich in die Hochschule zu schleppen. Dort wurde sie aufgefangen.
Heute spricht Lina von einer Depression, damals nannte sie es nur einen „akuten Erschöpfungszustand“. Die psychische Erkrankung werde noch immer als Stigma empfunden. Betroffene sorgten sich, nicht mehr als so leistungsfähig angesehen zu werden wie die anderen. Lehrer* innen speziell fürchteten um ihre Verbeamtung, sollten sie sich dazu bekennen oder einen Eintrag in der Akte haben. Lina ist dankbar dafür, dass sie Menschen um sich hatte, mit denen sie reden konnte. Die Eltern schickten sie zum Arzt, der sie für zwei, drei Wochen krankschrieb, damit sie wieder Kraft tanken konnte. Als sie ihre verschiedenen Ansprechpartner*innen an der Hochschule und der Goethe-Universität darüber unterrichtete, sei ihr erstmals aufgegangen, was sie sich zugemutet hatte. Ein Dutzend Mails habe sie schreiben müssen und wurde sich so gewahr, wie viele verschiedene Fächer sie belegt hatte.
Heute spricht Lina von einer Depression, damals nannte sie es nur einen „akuten Erschöpfungszustand“.
Es war der wichtige Schritt aus einem Teufelskreis, der die Anspannung schnell weichen ließ. Die Struktur im Alltagsleben der Familie gab ihr wieder Halt, sie half im Haushalt mit, las viel, ging spazieren. Der Trubel der Großstadt war nicht mehr zu spüren. „Es war eine traurige und sehr einsame Zeit“, sagt Lina rückblickend. Aber eine, die ihr guttun sollte.
In Frankfurt seien die sozialen Kontakte damals noch nicht so gefestigt gewesen, dass sie sich ihren Studienkolleg* innen hätte offenbaren können, sagt sie. Obwohl die Jahrgänge klein sind und Beziehungen sich schnell ergeben, weil die etwa zehn, zwölf Studierenden, die gemeinsam anfangen, vieles und manches auch außerhalb der Hochschule zusammen machen. Doch in der Mensa hieß es eher: „Ich habe heute schon eine Stunde geübt“ als: „Ich mache für heute Schluss und gehe schlafen.“
Das nährte bei denen, die noch nicht so fleißig waren, das schlechte Gewissen. „Es kommt schon sehr auf das Mindset an“, sagt Lina. Heute sieht sie alles lockerer. Wenn sie doch mal zurückfallen und zu großen Stress spüren sollte, dann greife sie zu den Werkzeugen, die ihr eine Kinder- und Jugendpsychologin an die Hand gegeben hatte, zu der sie zu Therapiestunden ging und auch heute bei Bedarf noch gehen könnte.
Sie sagt Nein, wenn alles wieder droht, zu viel zu werden.
Sie plant feste Stunden für Sport und Ballett ein, das bekomme ihr. Sie schalte auch mal ab von der Musik und beschäftige sich mit etwas ganz anderem. Sie sagt Nein, wenn alles wieder droht, zu viel zu werden. Und sie absolviert ihr Studium im eigenen Tempo, nicht getrieben von der Regelstudienzeit, die acht Semester beträgt und ihrer Meinung nach nicht einzuhalten sei, wenn man bei der Qualität keine Abstriche mache. „Es ist viel wert, dass ich keinen finanziellen Druck verspüre“, sagt Lina, die von Verwandten und Bekannten unterstützt wird und zweimal auch das Deutschlandstipendium für besonders begabte und engagierte Studierende zugesprochen und damit ein Jahr lang monatlich 300 Euro bekam. Andere könnten sich diese Gelassenheit nicht leisten. Dessen ist sich Lina bewusst.
Ihren Stundenplan konstruierte sie bei ihrem Wiedereinstieg anders. Sie stellte erst mal ihr zweites Fach, das damals noch evangelische Religion war, und auch die pädagogischen Veranstaltungen hintenan und konzentrierte sich ganz auf die Musik. Fürs Üben ließ sie Lücken zwischen Unterricht und Seminaren. Lina macht sich nicht mehr verrückt, lässt es langsam angehen und genießt ihr Studium umso mehr. Nach der Corona-Pandemie war sie für sechs Monate als Hilfslehrerin in Frankreich und hat die romanische Sprache mittlerweile als zweiten Schwerpunkt gewählt. „In Religion muss man Althebräisch oder Altgriechisch belegen und richtig reinklotzen“, sagt sie. Sie habe lieber etwas Lebendigeres gesucht und empfinde die moderne Sprache als Ausgleich für das in persönlicher Hinsicht sehr intensive Musikstudium. Zudem könne sie so ein Hauptfach für die Schule aufweisen.
„Bei einem Musikstudium kann man nicht so lange pausieren“, sagt sie. Es ist wie beim Sport: Wer nicht ständig trainiert, muss fürchten, in der Leistung nachzulassen.“
Was ihr eigenes Wohlbefinden betrifft, bleibt Lina aufmerksam. Als sie während ihrer Auszeit mal kurz nach Frankfurt fahren musste, um zwei Bücher abzugeben, sei ihr das nicht leicht gefallen. „Das war super stressig für mich“, sagt sie. Sie habe Angst gehabt, auf ihre Pause angesprochen zu werden. „Aber es waren alle so mit sich selbst beschäftigt“, berichtet sie.
Bei der Rückkehr direkt zum nächsten Semester half ihr die Vertrauensdozentin Stefanie Köhler, die als Ansprechpartnerin für die Studierenden bei Problemen fungiert. „Ich wusste nicht, was ich den Dozenten sagen soll und muss“, erklärt Lina. Sie hatte vor den Sommerferien nur vermeldet, sie sei krank und melde sich, wenn es ihr wieder bessergehe. Von Köhler erfuhr sie, dass sie nichts weiter verraten müsse.
Sie konnte sich wieder einreihen bei ihren Studienkolleg*innen, war mit diesen sogar noch vor Unterrichtsbeginn in den Urlaub gefahren. Ein erster Schritt der Wiedereingliederung, bei dem sie sich gefragt hatte, ob die anderen wohl „komisch“ zu ihr sein würden. Doch sie sorgten sich eher um sie, fragten, wie es ihr gehe. Von ihrer Depression verriet Lina nichts.


Sie sang auch wieder und spielte Klavier. „Bei einem Musikstudium kann man nicht so lange pausieren“, sagt sie. Es ist wie beim Sport: Wer nicht ständig trainiert, muss fürchten, in der Leistung nachzulassen. Das Versäumte nachzuholen, kann mühsam sein. Lina jedoch stand beim nächsten Projekt im Rahmen ihres Studiums wieder auf der Bühne. An anderer Stelle verzichtet sie schon mal, selbst wenn ihr das oft schwerfällt. Ihr Herz schlägt einfach für die Töne.
„Ich habe nie wieder alle drei Fächer (Musik, Pädagogik, Französisch) gleichzeitig studiert“, sagt Lina. Sie hat kein Problem damit, dass die Regelstudienzeit schon lange hinter ihr liegt. Wenn sie gefragt wird nach ihrer Aufenthaltsdauer an den beiden Hochschulen, spricht sie von einem höheren Semester. Ihrer Meinung nach hat es Vorteile, manche Veranstaltungen erst später als vorgesehen zu belegen. Mit der Erfahrung von eigenen Unterrichtsstunden in der Schule sehe sie etwa in der Pädagogik manches anders.
Lina wünscht sich, dass ihre erworbene Haltung auch Jüngeren besser vermittelt wird und dass durch die offiziellen Studienordnungen bei diesem „wichtigen Schritt zum Erwachsenwerden“ nicht so ein Zeitdruck ausgeübt wird. Sie selbst geht wachsam durch die Räume, spricht andere darauf an, wenn sie glaubt, dass diese ein ähnliches Problem haben könnten, wie sie es durchgemacht hat, und signalisiert Gesprächsbereitschaft. Aber sie wird auch von anderen um Hilfe oder Ratschläge gebeten, wenn diese sich um ihre Kommiliton*innen Gedanken machen. Diese Achtsamkeit sei wichtig, um Spuren von Überforderung frühzeitig zu erkennen und ein Abrutschen in die Depression möglichst zu verhindern.
An der HfMDK hat sich nach einem deutlich dramatischeren Fall als dem ihren schon vor einiger Zeit die sogenannte Mental Health AG gegründet, in der sich auch Lina engagiert. Die derzeit aus sieben Leuten bestehende Netzwerkstelle, der neben Studierenden zwei Professorinnen angehören, will für das Thema sensibilisieren und Hilfe anbieten. Niemand soll sich allein gelassen fühlen. Bei den Stammtischtreffen können sich alle Hochschulmitglieder dazugesellen. Zudem werden Kurse organisiert, die Wissen über den Umgang mit Krisen vermitteln und darüber, wie man sie erkennt.
Gerade hat die AG einen bedeutenden Meilenstein erreicht: Ab sofort steht den Studierenden eine psychologische Soforthilfe zur Verfügung. In belastenden Situationen können sich Betroffene von der Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Ann-Katrin Gholami beraten lassen. Das Angebot ist dank der Finanzierung über Drittmittel durch die Gesellschaft der Freunde und Förderer der HfMDK kostenlos. Die Gespräche finden in der Praxis der Expertin statt, was laut Lina wichtig ist, damit sich die Hilfesuchenden nicht von Studienkolleg*innen oder Lehrpersonal beobachtet fühlen.
Wenn Lina heute mit ihren Kommiliton*innen zusammensitzt, dann kommt schon mal zur Sprache, dass sie mit ihren Gefühlen damals nicht alleine stand. Das würde sie sich auch von den Anfänger*innen wünschen, dass sie so ehrlich zueinander sind. Aber sie weiß, wie schwierig das ist, den noch nicht allzu gut Bekannten eine Schwäche einzugestehen. Viel mehr noch als im Lehramt wahrscheinlich bei denen, die ein künstlerisches Studium pflegen, die irgendwann mit Musizieren, Tanzen, Schauspiel ihr Geld verdienen wollen. Denn deren Zukunft sei deutlich unsicherer als die der Pädagog*innen, die im Schuldienst gefragt sind.
Ob sie später wirklich vor Klassen stehen und versuchen wird, bei Schüler*innen die Begeisterung für das zu entfachen, was sie selbst antreibt, hat Lina noch nicht entschieden. Sie nehme so viel mit aus ihrer Zeit an der HfMDK, dass sie sich auch andere Aufgaben vorstellen könnte. Doch der Traum, den sie nun schon ein paar Jahre lang lebt, wird für sie immer mit diesem inspirierenden Ort verbunden sein.
Text: Katja Sturm
Illustrationen: Ella Pechechian


