Ausgezeichnet: Norbert Abels „Tonfabeln“
Mit „Tonfabeln“ legt Norbert Abels den Abschluss seiner Trilogie über Musik, Oper und Ästhetik vor – ein nahezu 1000 Seiten umfassendes Werk, das von der Opernwelt zum “Buch des Monats“ gewählt wurde. In einer ebenso kenntnisreichen wie weit ausgreifenden Gesamtschau verbindet Abels Musik-, Kultur- und Ideengeschichte mit einer Reflexion über Wesen, Geschichte und Zukunft des Musiktheaters. Die Opernwelt würdigt das Buch als ein außergewöhnliches Panorama, das wissenschaftliche Tiefe, philosophische Weite und die Leidenschaft für die Oper auf eindrucksvolle Weise vereint.
Norbert Abels über sein Buch
Im folgenden Beitrag beschreibt Norbert Abels selbst die Leitgedanken und Fragestellungen seines Buches „Tonfabeln“ und skizziert seine Sicht auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Musiktheaters:
Vom Musiktheater im eisernen Zeitalter
Eine wahres und deshalb auch heute noch gültiges Wort vorab: „Die Kraft“, schrieb Theodor W. Adorno 1968 in seinen musiksoziologischen Vorlesungen, welche – wohl nach wie vor – die Menschen an die Oper binde, sei „die Erinnerung an etwas, woran sie sich gar nicht mehr erinnern können, die legendär goldenen Zeiten des Bürgertums, die erst im eisernen Zeitalter einen Glanz gewinnen, den sie nie besaßen“. Die Geschichte des neuzeitlichen okzidentalen Kulturverständnisses war vom Aufstieg des Bürgertums geprägt. Zu dessen essenziellen Repräsentationen gehörten, oft mit emanzipatorischem Elan betrieben, die Theater. Zumal die durch und durch synkretistische Kunstform Oper. Einst in Adelsräumen anhebend, geriet sie, Favola in musica genannt, im Gang der Epochen zum sakrosankten Ort der Darstellung der aufgestiegenen, vom Pathos des Fortschritts affizierten Bildungsschicht.
Noch deren artifizielle Weltuntergangsszenarien – etwa bei Wagner – bewahrten jenes exklusive Selbstverständnis. Zu ändern daran vermochten auch die vielfarbig provokanten Avantgardebewegungen der Moderne daran nicht. Erst mit der um die Jahrtausendwende beständig deutlicher ins Auge fallenden Erosion der europäischen Bildungsschicht stellt sich auch die Erwartung der Erosion ihrer originären Kunstform ein.
Das Musiktheater scheint in die Jahre gekommen zu sein. Seine Akzeptanz wankt. Seine vermeintlich so unverzichtbare Suggestionskraft ächzt unter der Last eines sie unaufhaltsam bedeckenden historischen Mehltaus. Hinzu gesellt sich die Skepsis gegenüber der immer augenfälligeren Unzeitgemäßheit des stofflichen Repertoires. Darunter die dahinschwindende Wirkungsmacht all der von den Opernbildern immerfort betriebenen populärkulturellen Inszenierungen von Geschichte, ihre Konstruktion von Geschichtsbildern, die dekorierte Geschichte überhaupt als bloße Kulisse des Privaten. Ebenso der nachgerade gespenstische Eindruck ihrer patriarchal durchtränkten Stereotypik des Weiblichen, geprägt aus den Dichotomien von Hure und Heilige, Maria Magdalena und Jungfrau Maria, Venus und Elisabeth, Carmen und Michaela. Ganz zu schweigen von all den geschichtsmythischen Erscheinungsformen eines affektiv aufgeladenen patriarchal-hierarchischen Heroismus und den starr damit einhergehenden Geschlechterzuweisungen; zu schweigen ebenso von dem recht umfangreichen Repertoire überkommener ethnischer Vorstellungsbilder.
Eine Krise kann – das sei eingeräumt – davon ausgelöst werden, dass man sie unablässig heraufbeschwört. Sie kann, wie es Antonio Gramsci diagnostizierte, auch ein Interregnum bezeichnen, in welchem Altes nicht vergehen und Neues nicht entstehen will. Für unsere gegenwärtige Epochenschwelle scheint beides sich zusammenzuschließen. Eine sich populistisch gebärdende Kulturpolitik, überboten noch von den geschwätzigen Schallwellenreflexionen der sozialen und zu gleich asozialen Medien mit ihren Diskurspolarisierungen, spiegelt oder verzerrt die Realitäten von Lebens- und Arbeitsweltveränderungen. Darunter die rasante sich vergrößernde Kluft zwischen Arm und Reich, die verwandelten Geschlechterverhältnisse, die erdumfassenden ökologischen Grenzüberschreitungen, der auferstandene politische Autokratismus und weitere globale Bedrohungen; nicht zuletzt die Rückkehr der Kriegsszenarien auf dem europäischen Kontinent.
Vor rund einhundert Jahren charakterisierte Isidor Kracauer, Historiker am Philanthropin im Frankfurter Nordend, die Zeit der abendländischen Glaubensspaltung als „jene große Zeitenwende, wo alle Grundlagen des religiösen und staatlichen Daseins aufs tiefste erschüttert und ins Schwanken geraten waren“. Und ebenso vor einhundert Jahren, in der postexpressionistischen Periode, deutete ein Versuch über die ekstatische Bühne die damalige Zeitstimmung als Erosion aller Sicherheiten: Das „Kainszeichen dieser Zeit“, laute Auflösung. „Wirtschaftliche, soziale, politische Zersetzung zehrt am erschütterten Körper Europas […] Europa fiebert. Dazu kommt in immer grauenhafterer Form die Auflösung des inneren Menschen. […] Hat es angesichts dieser Auflösung noch Sinn, um ein neues Theater zu ringen?“
Diese Frage hat bis in unsere Gegenwart kein Jota an Relevanz eingebüßt. Sie stellt sich vielmehr noch bohrender. Wie – so mag man sie nunmehr formulieren – überlebt ein vom nicht nur ökonomisch schwächelnden Bildungsbürgertum subventionierter Anachronismus, wenn ihn jene zumeist betagten Anachronisten, die ihn jetzt noch hartnäckig verteidigen, nicht mehr ins Theater gehen? (...)
Die Opernhäuser also als steinerne Kult- und Ruhestätten eines von historischem Grünspan überzogenen, selbst schon museal anmutenden Bürgertums? Oder gilt dagegen das alte Mythologem von jenem Feuervogel noch, der bei Sonnenaufgang in der flammenden Morgenröte verbrannte, um hernach aus der Asche verjüngt wieder aufwärtszufliegen? Ascheberge freilich sind bisweilen auch durch fehlende Magmazufuhr erloschene Vulkane. Deshalb sollte man am besten einen fruchtbaren Boden suchen, um das musikalische Spiel wieder auferstehen zu lassen. Wir erinnern uns deshalb an jenen klugen Zukunftsvorschlag: „Ei was, du Rotkopf“, sagte der Esel, „zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall. Du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so wäre dies wohl fantastisch.“
