Spielraum für Vielfalt

interview

Was be­deu­tet In­klu­si­on dort, wo Kom­mu­ni­ka­ti­on das zen­tra­le Hand­werks­zeug ist? Irem Cati spricht mit Marc Prätsch, Do­zent für Sze­ni­sche Grund­la­gen und Rol­len­un­ter­richt, über neue Per­spek­ti­ven in der Schau­spiel­aus­bil­dung – und dar­über, wie Con­stan­tin Kel­ler als ge­hör­lo­ser Stu­dent den Stu­di­en­gang mit ver­än­dert.

Wie of­fen ist der Stu­di­en­gang Schau­spiel grund­sätz­lich ge­gen­über Men­schen mit Be­hin­de­rung?

Marc Prätsch: Zu­nächst ist mir wich­tig zu sa­gen, dass ich kein In­klu­si­ons­exper­te bin. Ich en­ga­gie­re mich seit ei­ni­gen Jah­ren ge­mein­sam mit mei­ner Kol­le­gin Pro­fes­so­rin Sil­ke Rü­din­ger für die­ses The­ma und kann nur für den Stu­di­en­gang Schau­spiel spre­chen, nicht für den ge­sam­ten Fach­be­reich. Uns war schnell klar, dass wir uns ex­ter­ne Ex­per­ti­se ho­len müs­sen. Des­halb ar­bei­ten wir mit Be­ra­ter*in­nen zu­sam­men, un­ter an­de­rem mit der Schau­spie­le­rin und Per­for­mance­künst­le­rin Jana Zöll, die in der In­klu­si­ons­sze­ne sehr viel Er­fah­rung mit­bringt, und Jan Mey­er von der Frei­en Büh­ne Mün­chen, ei­nem in­klu­si­ven Thea­ter, das auch Men­schen mit Be­hin­de­rung aus­bil­det, von de­nen mitt­ler­wei­le vie­le an den Münch­ner Kam­mer­spie­len sind. Mit den bei­den ha­ben wir vor drei Jah­ren ein von der rand­stad stif­tung ge­för­der­tes Sym­po­si­um zum The­ma In­klu­si­on an un­se­rer Hoch­schu­le ab­ge­hal­ten, bei dem vie­le Ex­pert*in­nen, Be­trof­fe­ne so­wie In­ter­es­sier­te ver­schie­de­ner Hoch­schu­len zu­sam­men­ka­men.

Das war für uns der Ein­stieg. Wir woll­ten uns für In­klu­si­on öff­nen, muss­ten aber zu­nächst selbst ler­nen, wel­che Vor­aus­set­zun­gen da­für nö­tig sind. Im nächs­ten Schritt ha­ben wir ei­nen Work­shop spe­zi­ell für Men­schen mit Be­hin­de­rung an­ge­bo­ten, die sich für die Auf­nah­me­prü­fung im Stu­di­en­gang Schau­spiel in­ter­es­sie­ren. Für den Stu­di­en­gang war das schon ein wich­ti­ger Wen­de­punkt. Zum ers­ten Mal ha­ben wir uns in­ten­siv mit den Fra­gen be­schäf­tigt, wie zu­gäng­lich un­ser Stu­di­en­gang ei­gent­lich ist, und was wir tun kön­nen, um Men­schen mit Be­hin­de­rung den Zu­gang zu er­leich­tern. Dar­an ar­bei­ten Sil­ke Rü­din­ger und ich bis heu­te – al­ler­dings zu­sätz­lich zu un­se­ren re­gu­lä­ren Auf­ga­ben.

Muss­ten da­für auch bau­li­che oder or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ver­än­de­run­gen vor­ge­nom­men wer­den?

Das The­ma Bar­rie­re­frei­heit ist sehr kom­plex. Un­se­re Ge­bäu­de sind bau­lich nicht bar­rie­re­frei. Das be­trifft die Hoch­schu­le ins­ge­samt – und nicht al­lein un­se­ren Stu­di­en­gang. Für uns stand zu­nächst im Vor­der­grund, über­haupt ein Be­wusst­sein für das The­ma zu schaf­fen. Wir woll­ten mit Men­schen mit Be­hin­de­rung und ih­ren Com­mu­ni­tys ins Ge­spräch kom­men und deut­lich ma­chen, dass wir uns öff­nen möch­ten. Ein Rat von Jana Zöll war da­bei: „Macht kei­ne Ver­spre­chun­gen, die ihr nicht hal­ten könnt." Des­halb war uns Trans­pa­renz wich­tig. Wir woll­ten ehr­lich kom­mu­ni­zie­ren, dass wir uns öff­nen möch­ten, was wir be­reits leis­ten kön­nen und wo wir selbst noch ler­nen müs­sen. Ge­nau in die­ser Pha­se be­fin­den wir uns bis heu­te. Mit un­se­rem Sym­po­si­um und den Work­shops möch­ten wir vor al­lem zei­gen, dass es die­se Of­fen­heit gibt.

Schwarz-weiß Porträt von Marc Prätsch vor einer Backsteinwand
Marc Prätsch unterrichtet seit 2012 an der HfMDK Frankfurt.(Photo: Tokunbo Akinro)

Ha­ben Sie den Ein­druck, dass sich seit­dem mehr Men­schen mit Be­hin­de­rung bei Ih­nen be­wer­ben?

Ge­naue Zah­len kann ich dazu nicht nen­nen. Mein Ein­druck ist aber schon, dass sich et­was be­wegt hat. Wir füh­ren mehr Ge­sprä­che, er­hal­ten mehr An­fra­gen und mer­ken, dass un­ser An­ge­bot wahr­ge­nom­men wird. Na­tür­lich muss man rea­lis­tisch blei­ben: Das sind noch klei­ne Schrit­te und die Zahl der Be­wer­bun­gen ist wei­ter­hin ge­ring. Trotz­dem ent­wi­ckeln wir das The­ma kon­ti­nu­ier­lich wei­ter und über­le­gen re­gel­mä­ßig, wel­che nächs­ten Schrit­te sinn­voll sind.

Wie ha­ben Sie auf Con­stan­tin Kel­lers Be­wer­bung re­agiert?

Dar­an er­in­ne­re ich mich noch gut. Der Stu­di­en­ser­vice in­for­mier­te mich über sei­ne Be­wer­bung und wir ha­ben uns zu­nächst ge­fragt, wie wir das Auf­nah­me­ver­fah­ren mög­lichst fair ge­stal­ten kön­nen. Es ging bei­spiels­wei­se um die Fra­ge, wel­che Un­ter­stüt­zung oder wel­cher Nach­teils­aus­gleich sinn­voll wäre. An­schlie­ßend ha­ben wir Con­stan­tin zu ei­nem per­sön­li­chen Ge­spräch ein­ge­la­den. Ich er­in­ne­re mich noch gut: Er stand vor der Tür, ich habe ihn ab­ge­holt und wir hat­ten ein ganz tol­les Ge­spräch. Con­stan­tin ist in ge­wis­ser Wei­se ein Pio­nier. Es gibt nur sehr we­ni­ge Stu­die­ren­de mit Be­hin­de­rung in deutsch­spra­chi­gen Schau­spiel­stu­di­en­gän­gen – ge­hör­lo­se Stu­die­ren­de sind mei­nes Wis­sens so­gar eine ab­so­lu­te Aus­nah­me. Na­tür­lich ler­nen bei­de Sei­ten stän­dig dazu. Auch Con­stan­tin hat uns im­mer wie­der zu­rück­ge­mel­det, was gut funk­tio­niert und wo noch Ver­bes­se­rungs­be­darf be­steht. Ich wür­de aber sa­gen, dass es bis­her ein ganz tol­ler Weg ist, was ich mir nie vor­her ge­dacht hät­te. In mei­nen Se­mi­na­ren zu den sze­ni­schen Grund­la­gen ge­hö­ren die Ge­bär­den­sprach­dol­met­scher* in­nen in­zwi­schen selbst­ver­ständ­lich dazu. Das ist auch für mich eine ganz tol­le Er­fah­rung.

Wie er­le­ben Sie Con­stan­tins Stu­di­um in­zwi­schen?

Mein Ein­druck ist, dass er sich gut ein­ge­lebt hat. Ich war im ers­ten Stu­di­en­jahr so et­was wie sein Men­tor. Mir war von An­fang an wich­tig, dass wir re­gel­mä­ßig mit­ein­an­der spre­chen und ehr­li­ches Feed­back be­kom­men – dar­über, was gut funk­tio­niert und wo es Schwie­rig­kei­ten gibt, weil wir zu Be­ginn alle kei­ne Er­fah­rung mit die­ser Si­tua­ti­on hat­ten. Des­halb war klar, dass Feh­ler pas­sie­ren wür­den und wir ge­mein­sam Lö­sun­gen fin­den müs­sen. Ent­schei­dend war für mich im­mer, dass wir im Ge­spräch blei­ben und uns ge­gen­sei­tig ver­trau­en. Ich glau­be, das hat bis­lang sehr gut funk­tio­niert. Für mich als Leh­ren­den ist das eine be­son­de­re Er­fah­rung. Gleich­zei­tig ist es ein ech­ter Mei­len­stein, wenn plötz­lich ein ge­hör­lo­ser Stu­dent in ei­nem Schau­spiel­stu­di­en­gang stu­diert. Das mag nur ein klei­ner Schritt sein, aber sei­ne Wir­kung nach au­ßen soll­te man nicht un­ter­schät­zen. Na­tür­lich gibt es noch vie­le struk­tu­rel­le Bau­stel­len – im Hin­blick auf In­klu­si­on ins­ge­samt. Die­se Lis­te ist lang und macht kei­nen Spaß ab­zu­ar­bei­ten. Des­halb war ich im­mer über­zeugt, dass er­folg­rei­che Bei­spie­le die größ­te Strahl­kraft ent­fal­ten. Wenn Men­schen mit Be­hin­de­rung ei­nen Stu­di­en­platz er­hal­ten und ih­ren Weg er­folg­reich ge­hen, wer­den an­de­re er­mu­tigt, sich eben­falls zu be­wer­ben.

Wie re­agiert die Schau­spiel­sze­ne dar­auf, dass Sie ei­nen ge­hör­lo­sen Stu­den­ten aus­bil­den?

Die Re­ak­tio­nen sind über­wie­gend sehr po­si­tiv. Ich freue mich be­son­ders über un­se­re Ko­ope­ra­ti­ons­büh­nen in Hes­sen. Con­stan­tin ist der­zeit am Stadt­thea­ter Gie­ßen, und ich fin­de es groß­ar­tig, wie of­fen das Haus mit ihm zu­sam­men­ar­bei­tet. Statt auf Vor­be­hal­te zu sto­ßen, wur­de ihm dort die Mög­lich­keit ge­ge­ben, par­al­lel auch sein Pro­jekt an den Münch­ner Kam­mer­spie­len zu rea­li­sie­ren. Mein Ein­druck ist, dass sich in vie­len Thea­tern in­zwi­schen ein Be­wusst­sein für das The­ma ent­wi­ckelt hat. Na­tür­lich blei­ben fi­nan­zi­el­le und struk­tu­rel­le Hür­den be­stehen. Trotz­dem spü­re ich eine gro­ße Be­reit­schaft, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und In­klu­si­on ak­tiv mit­zu­ge­stal­ten.

Wie schät­zen Sie die Be­rufs­aus­sich­ten von Ab­sol­vent*in­nen mit Be­hin­de­rung ein?

Eine ein­deu­ti­ge Ant­wort dar­auf kann ich nicht ge­ben. Ich kann nur mei­ne per­sön­li­che Ein­schät­zung schil­dern. Mo­men­tan neh­me ich wahr, dass vie­le Thea­ter ver­stan­den ha­ben, wie wich­tig es ist, ihre En­sem­bles viel­fäl­ti­ger auf­zu­stel­len. Die­ses Be­wusst­sein ist deut­lich stär­ker ge­wor­den als noch vor ei­ni­gen Jah­ren, ob das so bleibt, weiß ich nicht, da durch Spar­maß­nah­men im Kul­tur­be­reich The­men wie In­klu­si­on schnell in den Hin­ter­grund ge­ra­ten. Nicht, weil die Be­reit­schaft fehlt, son­dern weil fi­nan­zi­el­le Zwän­ge Prio­ri­tä­ten ver­schie­ben kön­nen. Ich hof­fe sehr, dass die Of­fen­heit, die ich der­zeit an vie­len Thea­tern er­le­be, er­hal­ten bleibt. Denn sie ist eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung da­für, dass Künst­ler*in­nen mit Be­hin­de­rung lang­fris­tig bes­se­re Chan­cen auf der Büh­ne be­kom­men.

Was wün­schen Sie sich für die Zu­kunft?

Am meis­ten wün­sche ich mir, dass sich mehr Men­schen mit Be­hin­de­rung über­haupt be­wer­ben. Da­für müs­sen Hoch­schu­len Of­fen­heit si­gna­li­sie­ren und gleich­zei­tig ehr­lich kom­mu­ni­zie­ren, was be­reits mög­lich ist und wo noch Gren­zen be­stehen. Wenn sich Men­schen will­kom­men füh­len und sich die Teil­nah­me an ei­ner Auf­nah­me­prü­fung zu­trau­en, wer­den auch die Be­wer­bungs­zah­len stei­gen. Da­mit wächst wie­der­um die Chan­ce, dass mehr Men­schen mit Be­hin­de­rung ih­ren Platz im Schau­spiel­stu­di­um fin­den. Lang­fris­tig wün­sche ich mir, dass sich die Viel­falt un­se­rer Ge­sell­schaft selbst­ver­ständ­lich auch in den Schau­spiel­stu­di­en­gän­gen wi­der­spie­gelt.

In­ter­view: Irem Cati

Constantin Keller in einer Szene des Ensembleprojekts "Die kahle Sängerin"
(Foto: Marvin Fuchs)

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Schauspielstudium heißt an der HfMDK vor allem: ausprobieren, spielen, gestalten. Und: Praxiserfahrung sammeln an Theatern, vor der Kamera und am Mikrofon, eigene Projekte entwickeln und eng mit Studierenden anderer Disziplinen zusammenarbeiten. Dabei bilden klassische und zeitgenössische Methoden die Grundlage für den individuellen künstlerischen Weg. Denn im Zentrum steht die Entwicklung einer eigenständigen künstlerischen Persönlichkeit.

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