Regiestudentin Elisa Künast gewinnt das Körber Studio Junge Regie 2026
Was braucht Talent, um sich entfalten zu können?
Regiestudentin Elisa Künast gewinnt das Körber Studio Junge Regie 2026
Elisa Künast, Regiestudentin der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK), wurde mit dem Jurypreis des Körber Studios Junge Regie 2026 ausgezeichnet. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis gilt als wichtigste Auszeichnung für den Regienachwuchs im deutschsprachigen Raum und wird jährlich am Thalia Theater Hamburg vergeben.
Ausgezeichnet wurde ihre Stückentwicklung ICH VERMISSE SIE HALT SCHON ODER DIE OSTDEUTSCHE FASSUNG BEWAHREN, die im Verbund der Hessischen Theaterakademie und in Kooperation mit dem Künstler*innenhaus Mousonturm entstand. Die Arbeit basiert auf Interviews mit Frauen verschiedener Generationen, die in Ostdeutschland aufgewachsen sind, und ist zugleich von der eigenen Familiengeschichte der Regisseurin geprägt.
Die Jury würdigte insbesondere die Fähigkeit der Inszenierung, sich mit „erstaunlich großer Leichtigkeit“ einer offenen Wunde der deutschen Geschichte zu nähern: dem biografischen Bruch vieler Ostdeutscher nach 1989. In einem performativen Transformationsprozess, an dem auch das Publikum beteiligt wird, entsteht eine poetische Form der Erinnerungs- und Trauerarbeit. Die Arbeit sucht nach Wegen, Verlust sichtbar zu machen, Ambivalenzen auszuhalten und die komplexe deutsch-deutsche Vergangenheit neu zu befragen.
Der Erfolg von Elisa Künast wirft zugleich eine weiterführende Frage auf: Was braucht eine junge Künstlerin, um eine eigenständige Handschrift entwickeln zu können?
Für Künast selbst beginnt die Antwort beim Studium.
»Das Regiestudium ist für mich vor allem ein Ort des Zusammenkommens und des Möglichmachens.«Regiestudentin Elisa Künast
Regie entstehe nie allein, sondern im Austausch mit unterschiedlichen Menschen, Perspektiven und Disziplinen. Gerade die Offenheit, künstlerische Prozesse über längere Zeit entwickeln zu können, sei eine zentrale Voraussetzung für eigenständige Arbeiten.
Ihre preisgekrönte Inszenierung entstand aus einer persönlichen Erfahrung.
»Das Thema Ostdeutschland kam für mich erst richtig in den Fokus, als ich gemerkt habe, dass ich an der Hochschule eine der wenigen mit ostdeutscher Biografie bin.«Elisa Künast
Begegnungen mit dem Frankfurter Kollektiv DiasporaOst und Gespräche mit anderen Menschen, die ähnliche Erfahrungen teilten, wurden zum Ausgangspunkt einer künstlerischen Recherche. Gemeinsam mit ihrem Team – Anna Stiede, Hannah Siecksmeier, Lena Reichl und Florian Illing – entwickelte sie Formen, ostdeutsche Erfahrungen und Erinnerungen auf westdeutsche Bühnen zu bringen.
Aus ersten Gesprächen über Arbeit, Mutterschaft und familiär weitergegebene Werte entwickelte sich dabei eine tiefere Fragestellung: Welche Gefühle und Verlusterfahrungen wirken über Generationen hinweg fort? Und wie kann Kunst Räume schaffen, in denen diese Erfahrungen sichtbar werden? Daraus entstand letztlich auch die zentrale Frage der Inszenierung: Was wollen wir loslassen – und woran möchten wir festhalten?
Künasts Arbeit eröffnet damit verschiedene Perspektiven zugleich: auf eine junge Regisseurin am Beginn ihrer Laufbahn, auf die Verbindung von Biografie und Zeitgeschichte sowie auf die Bedingungen, unter denen künstlerische Eigenständigkeit entstehen kann. Ihr Erfolg macht sichtbar, welche Bedeutung Freiräume, Zusammenarbeit, Experiment und das Vertrauen in offene Prozesse für die Entwicklung einer künstlerischen Position haben.
Die Jury ...
...setzte sich in diesem Jahr zusammen aus: Janis El-Bira (Theaterjournalist, u.a. nachtkritik, Deutschlandfunk Kultur), Tamira Kalmbach (Regisseurin, Teilnehmerin KSJR 2025), Kathrin Tiedemann (Künstlerische Leitung FFT Düsseldorf), Johanna Vater (Dramaturgin Thalia Theater) und Kay Voges (Regisseur, Intendant Schauspiel Köln).
Das Körber Studio Junge Regie ist ein Gemeinschaftsprojekt des Thalia Theaters, der Körber-Stiftung und der Theaterakademie Hamburg unter der Schirmherrschaft des Deutschen Bühnenvereins.
Die Teilnahme am Festival wurde unterstützt durch die Freunde und Förderer der HfMDK (GFF)
Elisa Künast
Elisa Künast, geboren 1998 in Jena, ist seit 2023 Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes. Ihre Inszenierungen waren u.a. am Saarländischen Staatstheater, am Mousonturm und beim Plug&Play Festival in Mainz zu sehen. Im Zentrum ihrer Arbeiten steht die Frage, wie weiblich gelesene Körper von Systemen geprägt werden und welche Spuren bleiben.
