Leben für die Kunst
Nach sieben Jahren und zwei Abschlüssen hat sich Anouk Krüger im Sommer 2026 von der HfMDK und Frankfurt verabschiedet. Aber dieses Ende ist kein Ende. Erinnerungen bleiben, Freunde, die beiden Ensembles, in denen sie spielt. Erfolge! Anouk Krüger, Blockflötistin und Fagottistin, setzt ihre künstlerische Ausbildung jetzt in Leipzig fort.
Text: Tamara Weise
— Dieser eine Weg. Die Entscheidung für Musik hatte sich über Jahre angebahnt – was fehlte, war bloß noch ein Funke, und der traf. Von da an war es für sie klar, dass beruflich nur dieser eine Weg infrage kommt, der Weg in die Kunst. Anouk, damals 17 Jahre alt, dachte deshalb auch nicht weiter über einen Plan B nach, sondern gab sich stattdessen selbst ein Versprechen, machte sich Mut, sagte sich: „Es wird schon irgendwie klappen“. Sie sollte recht behalten. Der Auslöser?
— Bachs Erben. So heißt ein Jugendorchester für Barockmusik in Sachsen-Anhalt, das sich jedes Jahr für zehn Tage in Blankenburg, im Kloster Michaelstein, zusammenfindet. Immer im Sommer und meist in neuer Besetzung, auch 2016. „Meine Mutter hielt es für eine gute Idee, dass ich andere in meinem Alter kennenlerne, die ebenfalls Alte Musik machen“, erinnert sie sich. „Das war eine schöne Idee und doch hatte ich tausend Zweifel, die ich erstmal überwinden musste. Kann ich mit Bachs Erben, unter Leitung der Akademie für Alte Musik Berlin, überhaupt mithalten, und was, wenn nicht?“ Noch als sie losfuhr, drückte diese Frage. „Dann kam ich an und war eigentlich von Sekunde eins an wie geflasht, wie verwandelt. Alle, die ich traf, hatten einfach Lust, Telemann und Bach zu spielen, einfach so! Das war für mich so besonders, eine komplett neue Erfahrung. Am liebsten wäre ich dort geblieben.“
Logistik Es ist schon vorgekommen, dass Anouk mit 13 Blockflöten zu Proben unterwegs war – vorsichtig verstaut in einem großen Rucksack vor sich. Das Fagott transportiert sie hinten.
— Blockflöte. Damit stand nun fest, sie würde Musik studieren, genauer: Blockflöte. Ihr Instrument, entdeckt in der Musikschule, da war sie kaum fünf, sechs Jahre alt. „Ich durfte bei Ulrike Bartel lernen und erhielt durch sie vom ersten Moment an sehr guten Unterricht“. Auf die erste Blockflöte folgte später eine zweite, bis sie in der Klangwelt des Instrumentes einmal ganz rund herumgekommen und mehrfach Bundespreisträgerin im Wettbewerb „Jugend musiziert“ war. Sopran, Alt, Tenor, Bass, verschiedenste Griffweisen, dazu die Sondergrößen von Garklein bis Großbass und Subbass. Wobei Anouk mittlerweile eher zu den tieferen Registern neigt. „In der Musik der Renaissance finde ich den Tenor unglaublich schön, weil mir dieses Volle und diese Wärme des Klangs sehr gefällt, dieser grundtönige Charakter.“ Anders sei es aber bei Musik aus dem Hochbarock: Da spiele sie vor allem gern den Alt.
Instrumentenbau Zwischen Abitur und Studium hat Anouk eine Zeit lang in der Werkstatt eines Instrumentenbauers gearbeitet, um im Detail zu verstehen, wie Blockflöten zum richtigen Ton finden.
— Vielfalt. Anouk wiederholt es mehrfach, wie froh sie über ihre Wahl ist. Blockflöte zu spielen bedeute für sie, tagtäglich einem unschätzbaren musikalischen Reichtum zu begegnen. Konkret: „Man hat durch die Vielfalt an Stücken nahezu alle Optionen und spielt sowohl auf historischen als auch auf modernen Instrumenten. Hinzu kommt, man kann die Klangfarben immer wieder ändern, muss das auch, um die eigene Spielweise jeweils an das Stück und die Mitspieler*innen anpassen zu können.“ Dass das speziell in Konzertsituationen höchste Aufmerksamkeit erfordert? „Gehört dazu, andererseits wird dadurch alles umso spannender.“
— Präzision. Während ihrer Studienzeit in Frankfurt hat Anouk für solche Momente ausgiebig trainiert, und zwar in ganz unterschiedlichen Konstellationen. Niemand, der sie heute spielen sieht und hört, merkt etwas von dieser Anstrengung – im Ringen um Präzision, ohne die kein Konzert oder, allgemeiner, kein Bühnenprogramm funktionieren würde. Es wirkt leicht, was sie macht.
— Zwei Ensembles, zwei Duos. Zusammen mit Sina Bayer und Jasmin Röder, ehemalige Studentinnen der HfMDK, bildet sie das Renaissance-Consort- Trio Evviva! und hat mit ihm längst zahlreiche Termine, zuletzt etwa bei den berühmten Köthener Bachfesttagen. Das alt.ensemble, in dem sie zusätzlich spielt, kennt man u. a. von der Neuen Musik Nacht der HfMDK. Darüber hinaus entwickelte Anouk mehrere künstlerische Projekte im Tandem mit anderen: „Das kam aus dem Interesse heraus, mich neu auszuprobieren und mich nach den vielen Kammermusikjahren nochmal mit ungewohnten Konzertformaten zu beschäftigen.“ So entstand, gemeinsam mit einer Tänzerin, das Improvisations-Duo Maai für Klang und Bewegung, Performance. Außerdem das Duo Altes Holz, das sie mit Simon Napp (Cello, HfMDK) gründete und mit dem sie Barockmusik in Altersheime, Behinderteneinrichtungen und Schulen brachte – im Rahmen der Initiative des Yehudi Menuhin Live Music Now Frankfurt am Main e. V. Moderieren, auf Stimmungswechsel im Publikum reagieren, spontan die Reihenfolge oder die Länge der Stücke ändern: „Für uns als Stipendiaten von Live Music Now war das eine ebenso intensive wie tolle Erfahrung", betont die 27-Jährige. Sie habe dabei unfassbar viel gelernt.
KI Künstliche Intelligenz in der Kunst? Anouk antwortet mit drei Gegenfragen, in etwa so: Was ist der Sinn dahinter, wenn Menschen aus der Kunst verdrängt werden? Geht das überhaupt? Kann KI all die Gedanken und komplexen Einflüsse, die uns als Künstler*innen ausmachen, überhaupt abbilden oder bleibt sie ein Werkzeug?
— In Kooperation mit Komposition. Dass es gerade die Zusammenarbeit mit anderen ist, die sie immer wieder sucht, fällt auf. Zusammenarbeit im Großen wie im Kleinen, auch mit Nachbardisziplinen wie Komposition. Als es im vergangenen Jahr darum ging, sich für das Festival für Alte Musik in Utrecht zu bewerben, es ist das größte seiner Art weltweit, tat Evviva! genau das: Für das geplante Frauenprogramm kontaktierte das Trio den Studiengang Komposition. „Unser Thema hieß: Spuren weiblicher musikalischer Aktivität in der Renaissance. Wir wollten hörbar machen, unter welchen Bedingungen Musik in dieser Zeit entstand, und wie wenig Raum Frauen, Komponistinnen, da noch zugestanden wurde“, erklärt Anouk. Alte Musik, etwa von Maddalena Casulana, wollten sie mit zeitgenössischer Musik verbinden. „Und Arevik Beglaryan, sie studiert Komposition an der HfMDK, schrieb uns dafür ein wunderbares Stück.“ Ähnlich läuft es im alt.ensemble, das Alte und zeitgenössische Musik zusammenbringt: Für den zeitgenössischen Part kooperieren die jungen Musiker*innen seit Kurzem mit einem Komponisten aus Frankfurt.
— Frankfurt – Lyon – Frankfurt. All diese Anfänge haben sie geprägt, viele – „so viele wie nur möglich“ – wird Anouk nun mitnehmen auf ihre nächste Etappe. Frankfurt war fast sieben Jahre lang ihr Zuhause, war die Stadt, in der sie, ab 2021 auch unterstützt durch das Deutschlandstipendium, ihr Können und Wissen erweiterte. In der sie Kammermusik machen konnte, konzentriert probte, persönlich und musikalisch gewachsen ist. 13 Monate war sie zwischendurch zwar als Erasmusstipendiatin in Frankreich, am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Lyon (CNSMD), kehrte dann jedoch begeistert und hochmotiviert – „selbstverständlich“ – für den zweiten Teil ihrer Ausbildung wieder an die HfMDK zurück. Von 2024 an engagierte sie sich an der Hochschule trotz zahlreicher anderer Termine ehrenamtlich im Direktorium des Instituts für zeitgenössische Musik (IzM).
Familie Anouk wurde 1999 in Hannover geboren. Ihre Eltern sind Gartenbauingenieur* innen und haben sie von Anfang an gefördert. Bei ihren Konzerten sind sie bis heute regelmäßig dabei.
— Und jetzt? Jetzt ist Leipzig dran. Dort wird sie ihren 2024 an der HfMDK bei Elena Bianchi parallel zum Blockflöten- Master begonnenen Bachelor in Historischen Fagottinstrumenten beenden. An der HMT Leipzig studiert sie bei Györgyi Farkas. „Anders als die Blockflöte ist das Fagott ein Orchesterinstrument, man sitzt eher im Continuo, also in der Bass-Gruppe, und bildet damit, musikalisch gesehen, quasi das Fundament des Orchesters“ beschreibt sie ihren neuen, zweiten Wirkungskreis. Blockflöte und Fagott sei, auch beruflich, einfach eine gute Kombination.
— Chancen. Worauf sie künftig ihren Schwerpunkt legen wird, lässt sich dementsprechend schwer abschätzen. Vorstellen könne sie sich sogar mehrere Themen, wenn sie sich ergänzen. „Es ist nicht so, dass ich ein bestimmtes Bild von mir in Zukunft im Kopf hätte, aber ich denke, es wäre in jedem Fall farbenfroh und hätte noch Platz für Neues.“ Vielfalt, unbedingt, und sich im Alltag nicht festfahren, das sei ihr am wichtigsten. „Ich sehe mich mit dem Fagott und mit der Blockflöte, unterwegs mit Ensembles und mit Orchestern, möglicherweise, wahrscheinlich, werde ich auch unterrichten und mich in Musiktherapie, wo ich schon hospitiert habe, weiterbilden. Wer weiß.“ Ohnehin sei ihre erste Priorität erstmal das Studium in Leipzig – plus ihre Kontakte und Ensembles in Frankfurt am Main. „Dieser Abschied von Frankfurt ist kein Ende.“
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Text: Tamara Weise
Fotos: Maximilian Borchardt



