Keine Sonderrolle

Porträt von Constantin Keller, der seine Hand kraftvoll in Richtung der Kamera ausstreckt
(Photo: Lara Littmann)
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Als ers­ter ge­hör­lo­ser Schau­spiel­stu­dent an ei­ner staat­li­chen Hoch­schu­le in Deutsch­land be­tritt Con­stan­tin Kel­ler Neu­land. Doch sein größ­ter Wunsch ist er­staun­lich schlicht: nicht als ge­hör­lo­ser Schau­spie­ler be­setzt zu wer­den, son­dern ein­fach als Schau­spie­ler.

Text: Irem Cati

„Mo­ment“, sagt Con­stan­tin Kel­ler nach der freund­li­chen Be­grü­ßung und lä­chelt ent­schul­di­gend, „ich muss noch kurz mei­ne Hör­ge­rä­te ein­set­zen.“ Erst die­ser kur­ze Mo­ment ver­rät, was man dem 24-Jäh­ri­gen mit dem dun­kel­blon­den Lo­cken­kopf auf den ers­ten Blick nicht an­sieht: Con­stan­tin, den alle nur Cos­mo nen­nen, ist seit sei­ner Ge­burt ge­hör­los – und stu­diert den­noch Schau­spiel an der Hoch­schu­le für Mu­sik und Dar­stel­len­de Kunst Frank­furt (HfMDK). „Ich bin der ers­te ge­hör­lo­se Schau­spiel­stu­dent an ei­ner staat­li­chen Hoch­schu­le in Deutsch­land“, sagt er mit hör­ba­rem Stolz. Vor der Ka­me­ra zu ste­hen, sei schließ­lich schon als Kind sein größ­ter Traum ge­we­sen.

Ers­te Er­fah­run­gen sam­mel­te er be­reits mit acht Jah­ren. Da­mals such­te der Hes­si­sche Rund­funk ein ge­hör­lo­ses Kind für eine Do­ku­men­ta­ti­on. „Mei­ne Stief­mut­ter ar­bei­te­te da­mals beim hr“, er­in­nert er sich. „Sie hat die An­zei­ge ge­se­hen und dach­te: ,Wir ha­ben doch den Con­stan­tin!’“ Aus dem an­fäng­li­chen Spaß an den Dreh­ar­bei­ten ent­wi­ckel­te sich die Lei­den­schaft, den Weg auch pro­fes­sio­nell zu ge­hen. Es folg­ten ein kur­zer Auf­tritt im Fern­seh­film „Sech­zehn­ei­chen“, an der Sei­te von Hei­ke Ma­kat­sch und Mark Wasch­ke, ein Wer­be­film und so­gar die Teil­nah­me bei der Quiz­show „1, 2 oder 3“. Dort mel­de­te Con­stan­tin kur­zer­hand selbst sei­ne Schul­klas­se an. „Nor­ma­ler­wei­se ma­chen das die Lehr­kräf­te“, er­zählt er und lacht. „Aber ich dach­te: War­um ei­gent­lich nicht? Und am Ende ha­ben wir so­gar ge­won­nen.“

„Ich kom­me nicht aus ei­ner Künst­ler­fa­mi­lie – für uns war die­se Welt völ­lig neu.“

Mit 18 Jah­ren kehr­te er für die hr-Rei­he „Was wur­de aus ...?“ vor die Ka­me­ra zu­rück. Die Dreh­ar­bei­ten mar­kier­ten ei­nen Wen­de­punkt. „Bis da­hin hat­te ich mei­nen Wunsch, Schau­spie­ler zu wer­den, nie wirk­lich aus­ge­spro­chen. Erst bei die­ser zwei­ten Doku habe ich mei­ner Fa­mi­lie da­von er­zählt.“

Die Re­ak­ti­on sei über­wie­gend po­si­tiv ge­we­sen, auch wenn zu­nächst vie­le Fra­gen im Raum stan­den: Wie soll das funk­tio­nie­ren? Wel­che Un­ter­stüt­zung braucht er? Wel­che Per­spek­ti­ven gibt es? „Mein Va­ter ar­bei­tet im Ma­nage­ment, mei­ne Mut­ter ist Zahn­tech­ni­ke­rin. Ich kom­me nicht aus ei­ner Künst­ler­fa­mi­lie – für uns war die­se Welt völ­lig neu.“

Sei­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te ist au­ßer­ge­wöhn­lich. Con­stan­tin ist be­reits in der fünf­ten Ge­ne­ra­ti­on ge­hör­los – eine Sel­ten­heit in Deutsch­land. Wäh­rend der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus wur­den Men­schen mit Be­hin­de­run­gen häu­fig zwangs­ste­ri­li­siert. Dass sei­ne Fa­mi­lie da­von ver­schont blieb, grenzt an ein Wun­der. Sein Ur­groß­va­ter Lud­wig spiel­te da­mals Fuß­ball. Der Arzt, der ihn ste­ri­li­sie­ren soll­te, er­kann­te ihn und hielt ihn für zu wich­tig für den Sport, um den Ein­griff vor­zu­neh­men. Sei­ne Ur­groß­mutter wie­der­um war die Toch­ter des da­ma­li­gen Bür­ger­meis­ters von Bad So­den, der sei­ne Mög­lich­kei­ten nutz­te, um sie zu schüt­zen. „In an­de­ren Län­dern gibt es häu­fi­ger Fa­mi­li­en, die über meh­re­re Ge­ne­ra­tio­nen ge­hör­los sind. In Deutsch­land ist das auf­grund un­se­rer Ge­schich­te eher die Aus­nah­me.“

Für Con­stan­tin brach­te die­se Fa­mi­li­en­ge­schich­te je­doch auch ei­nen ent­schei­den­den Vor­teil mit sich. Wäh­rend die meis­ten ge­hör­lo­sen Kin­der in hö­ren­den Fa­mi­li­en auf­wach­sen und da­durch oft un­ge­wollt von Ge­sprä­chen aus­ge­schlos­sen wer­den, ge­hör­te die Ge­bär­den­spra­che bei Fa­mi­lie Kel­ler selbst­ver­ständ­lich zum All­tag. Wis­sen, Ge­schich­ten und Ge­füh­le wur­den von klein auf in Ge­bär­den ver­mit­telt. „Ich er­in­ne­re mich be­son­ders an den 60. Ge­burts­tag mei­ner Oma. Wir sa­ßen alle im Re­stau­rant und ha­ben mit­ein­an­der ge­bär­det. Für uns war das völ­lig nor­mal – und ge­nau das lie­be ich dar­an.“

Porträt von Constantin Keller vor verschwommenen Neon-Lichtern
(Photo: Lara Littmann)

Her­aus­for­dern­der sei da­ge­gen oft die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Hö­ren­den ge­we­sen. „Deutsch be­zie­hungs­wei­se die Laut­spra­che ist nicht mei­ne Mut­ter­spra­che“, er­klärt Con­stan­tin. Be­reits als Kind be­such­te er des­halb eine Lo­go­pä­din, um spre­chen zu ler­nen. „Trotz­dem spre­che ich bis heu­te nicht per­fekt.“ Im Ge­spräch fällt das je­doch kaum ins Ge­wicht. Mit­hil­fe sei­ner Hör­ge­rä­te, des Lip­pen­le­sens und gro­ßer Kon­zen­tra­ti­on führt er pro­blem­los Un­ter­hal­tun­gen – auch län­ge­re In­ter­views.

Auch das Schau­spiel­stu­di­um habe ihm da­bei ge­hol­fen, sei­ne Stim­me wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Der Un­ter­richt sei oh­ne­hin weit mehr als Text­ler­nen. „Zum ei­nen ar­bei­ten wir meist in Klein­grup­pen, zum an­de­ren sehr viel mit Be­we­gung, Stim­me und Kör­per. Man lernt sich selbst un­glaub­lich gut ken­nen.“ Be­son­ders wich­tig sei für ihn aber die Ge­mein­schaft in­ner­halb des Jahr­gangs ge­we­sen. „Ich wur­de von An­fang an sehr herz­lich auf­ge­nom­men. Das ist wich­tig, weil wir je­den Tag eng zu­sam­men­ar­bei­ten.“

Ne­ben der Nut­zung der Hör­ge­rä­te ste­hen Con­stan­tin beim Er­ler­nen der Stu­di­en­in­hal­te und der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den an­de­ren auch re­gel­mä­ßig Ge­bär­den­dol­met­scher*in­nen zur Sei­te. Ei­ni­ge sei­ner Kom­mi­li­ton* in­nen hät­ten in­zwi­schen aber auch ers­te Ge­bär­den ge­lernt. „Na­tür­lich wäre es noch schö­ner, wenn Ge­bär­den­sprach­kur­se an­ge­bo­ten wür­den. Das wür­de vie­les er­leich­tern. Aber schon ein paar ein­fa­che Ges­ten ma­chen im All­tag ei­nen gro­ßen Un­ter­schied.“

„Ich fän­de es groß­ar­tig, wenn eine hö­ren­de Rol­le mit ei­ner ge­hör­lo­sen Per­son be­setzt wür­de.“

Mit sei­nen po­si­ti­ven Er­fah­run­gen und der gu­ten Auf­nah­me in das Stu­dent* in­nen­le­ben ge­hört Con­stan­tin den­noch zur Min­der­heit. Noch im­mer sto­ßen ge­hör­lo­se Stu­die­ren­de an vie­len Hoch­schu­len auf er­heb­li­che struk­tu­rel­le Hür­den. Häu­fig feh­len fi­nan­zi­el­le Mit­tel so­wie per­so­nel­le und tech­ni­sche Res­sour­cen, um ein wirk­lich bar­rie­re­frei­es Stu­di­um zu er­mög­li­chen. Zwar gibt es Nach­teils­aus­glei­che, Ge­bär­den­sprach­dol­met­scher* in­nen oder tech­ni­sche Hilfs­mit­tel, doch de­ren Be­an­tra­gung ist oft auf­wen­dig und muss se­mes­ter­wei­se er­neut er­fol­gen. Hin­zu kommt, dass un­ter die­sen Be­din­gun­gen der so­zia­le Aus­tausch mit an­de­ren Stu­die­ren­den häu­fig er­schwert wird.

Ei­nen ent­schei­den­den An­teil dar­an, dass Con­stan­tin sei­nen Platz an der HfMDK ge­fun­den hat, hat­te Marc Prätsch. Der Re­gis­seur und Schau­spie­ler, der als Lehr­kraft für be­son­de­re Auf­ga­ben in den Fä­chern Schau­spiel und Re­gie tä­tig ist, setzt sich seit Jah­ren für mehr In­klu­si­on ein. Als Con­stan­tin sich 2024 für das Schau­spiel­stu­di­um in­ter­es­sier­te, führ­te Prätsch ge­mein­sam mit ihm und der Be­hin­der­ten­be­auf­trag­ten der Hoch­schu­le in­ten­si­ve Ge­sprä­che. Ge­mein­sam wur­den grund­le­gen­de Fra­gen ge­klärt: Wie kann das Stu­di­um ge­lin­gen? Wel­che Vor­aus­set­zun­gen braucht es? Wel­che Mög­lich­kei­ten bie­tet die Laut­spra­che? „Die Hoch­schu­le hat mir die Chan­ce ge­ge­ben, mich aus­zu­pro­bie­ren und mich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Da­für bin ich un­glaub­lich dank­bar.“

Schwarz-weiß Porträt von Constantin Keller mit viel Bewegungsunschärfe
(Photo: Lara Littmann)

Dass sich die­ses Ver­trau­en aus­ge­zahlt hat, zeigt Con­stan­tins bis­he­ri­ger Weg. In der ZDF­neo-Hor­ror­se­rie „Ha­meln“ über­nahm er 2024 eine der Haupt­rol­len. Dar­in spielt er den ge­hör­lo­sen Jan­nik Mann­hei­mer, der ge­mein­sam mit der blin­den Fin­ja und dem geh­be­hin­der­ten Ru­ben den Rat­ten­fän­ger auf­hal­ten muss. „,Ha­meln‘ war mein ers­tes rich­tig gro­ßes Pro­jekt. Zum ers­ten Mal konn­te ich wirk­lich er­le­ben, was es be­deu­tet, Schau­spie­ler zu sein“, er­zählt er be­geis­tert.

Still­stand kommt für ihn nicht in­fra­ge. 2027 steht be­reits die nächs­te Pro­duk­ti­on an den Münch­ner Kam­mer­spie­len auf dem Pro­gramm. Ob Thea­ter­büh­ne oder Film­set – Con­stan­tin möch­te vor al­lem ei­nes: spie­len. Da­bei wünscht er sich, künf­tig nicht aus­schließ­lich als ge­hör­lo­se Fi­gur be­setzt zu wer­den. „Ich fän­de es groß­ar­tig, wenn eine hö­ren­de Rol­le mit ei­ner ge­hör­lo­sen Per­son be­setzt wür­de.“ Ein Ki­no­film steht eben­falls ganz oben auf sei­ner Wunsch­lis­te.

Im Ge­spräch mit Con­stan­tin wird durch­weg klar, dass hier ein jun­ger Mann mit ei­nem kla­ren Ziel vor ei­nem sitzt, das er ste­tig und mit po­si­ti­ver Ein­stel­lung ver­folgt. Die Ge­hör­lo­sig­keit prägt sei­nen Weg, de­fi­niert ihn aber nicht voll­stän­dig, des­we­gen ver­steht er sei­ne Ge­schich­te auch als Er­mu­ti­gung für an­de­re. Sein Rat ist eben­so ein­fach wie kraft­voll: „Macht ein­fach das, wor­auf ihr Lust habt, und habt kei­ne Angst. Wir ge­hör­lo­sen Men­schen kön­nen al­les – au­ßer hö­ren.“

Text: Irem Cati
Fo­tos: Lara Litt­mann

Porträt von Constantin Keller, im Hintergrund bunte Neonlichter, verschwommen.
(Foto: Lara Littmann)

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Constantin Keller ist in der laufenden Spielzeit in zwei spannenden Produktionen zu erleben: Seit September 2026 in „TALK3000“ am Stadttheater Gießen (Regie: Redjep Hajder, Abschlussarbeit BA Regie) sowie in „heaven will come“ an den Münchner Kammerspielen in der Inszenierung von Jan Bosse.

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