DENKEN HÖREN – HÖREN DENKEN. DAS VIELSTIMMIGE WIRKEN VON HANS ZENDER

lächelnd mit Taktstock
(Photo: Lisa Mahlberg)
beide Arme oben
(Photo: Lisa Mahlberg)
konzentrierter Gesichtsausdruck
(Photo: Lisa Mahlberg)
pressemitteilung

Hans-Zen­der-Fes­ti­val zwi­schen Klang, Re­fle­xi­on und Er­in­ne­rung

Wie kaum ein an­de­rer Kom­po­nist sei­ner Ge­ne­ra­ti­on hat Hans Zen­der (1936-2019), der die­ses Jahr 90 Jah­re alt ge­wor­den wäre, das Mu­sik­le­ben der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te ge­prägt – als Kom­po­nist, Di­ri­gent, Mu­sik­den­ker und Leh­rer. Sein Werk kreist um grund­le­gen­de Fra­gen: Wie hö­ren wir Mu­sik? Wie ver­än­dert sich mu­si­ka­li­sche Be­deu­tung im Lau­fe der Zeit? Und wie las­sen sich Tra­di­ti­on und Ge­gen­wart pro­duk­tiv mit­ein­an­der ins Ge­spräch brin­gen – ins­be­son­de­re, wenn Mu­sik als geis­ti­ger, kul­tu­rel­ler und phi­lo­so­phi­scher Denk­raum ver­stan­den wird?

Die Hoch­schu­le für Mu­sik und Dar­stel­len­de Kunst Frank­furt (HfMDK) wid­met Hans Zen­der am 4. und 5. Juli 2026 ein zwei­tä­gi­ges Fes­ti­val, das sich die­sen Fra­gen auf eben­so viel­fäl­ti­ge wie le­ben­di­ge Wei­se nä­hert. Un­ter dem Ti­tel „Den­ken hö­ren – Hö­ren den­ken“ kom­men ehe­ma­li­ge Stu­die­ren­de, Weg­ge­fährt*in­nen, in­ter­na­tio­na­le Gäs­te so­wie Leh­ren­de und Stu­die­ren­de der HfMDK zu­sam­men, um eine fas­zi­nie­ren­de Künst­ler­per­sön­lich­keit der deut­schen Ge­gen­warts­mu­sik neu zu ent­de­cken.

Zen­der war nie nur Kom­po­nist. Er war ein un­er­müd­li­cher Fra­gen­der, ein Ver­mitt­ler zwi­schen Kul­tu­ren, Küns­ten und äs­the­ti­schen und phi­lo­so­phi­schen Denk­wei­sen. Als Pro­fes­sor für Kom­po­si­ti­on an der HfMDK von 1988 bis 2002 präg­te er Ge­ne­ra­tio­nen jun­ger Mu­si­ker*in­nen. Wer bei ihm stu­dier­te, be­geg­ne­te ei­nem Leh­rer von au­ßer­ge­wöhn­li­cher in­tel­lek­tu­el­ler Wei­te und Neu­gier, der äs­the­ti­sche Ge­wiss­hei­ten stets hin­ter­frag­te und sei­nen Stu­die­ren­den vor al­lem ei­nes ver­mit­tel­te: den Mut zum ei­ge­nen Den­ken.

Ge­nau die­ser Geist be­stimmt das Fes­ti­val­pro­gramm. In Ge­sprächs­run­den er­in­nern ehe­ma­li­ge Schü­ler*in­nen, Kol­leg*in­nen so­wie lang­jäh­ri­ge Weg­be­glei­ter*in­nen an den Men­schen Hans Zen­der und an die nach­hal­ti­ge Wir­kung sei­ner Ar­beit. Mit da­bei sind un­ter an­de­rem das IEMA-En­sem­ble, Diet­mar Wies­ner, Sa­lo­me Kam­mer, Lu­cas Fels, Hans Tho­m­al­la, Dá­ni­el Pé­ter Biró und Rai­ner Pe­ters.

Den­ken hö­ren – Hö­ren den­ken" I Round­ta­ble: Hans Zen­der – Kom­po­nist, Leh­rer, In­ter­pret und In­itia­tor

Illustration von Hans Zender beim Dirigieren

Im Zen­trum ste­hen je­doch die Wer­ke selbst. Das Kon­zert „Ver­än­de­run­gen über Ver­än­de­run­gen“ mit dem IEMA-En­sem­ble, Stu­die­ren­den der HfMDK und Gäs­ten so­wie Daria Ty­mos­hen­ko (Stim­me) und Mi­cha­el Wen­de­berg (Di­ri­gent) prä­sen­tiert zwei Wer­ke, die ex­em­pla­risch für Zen­ders künst­le­ri­sches Den­ken ste­hen: das kon­zen­trier­te Iss­ei no kyo (Lied vom ei­nen Ton), in dem er die Idee ei­nes „ei­nen Tons“ – ver­stan­den als mu­si­ka­li­sches Prin­zip, nicht als kon­kre­te Ton­hö­he – durch un­ter­schied­li­che Spra­chen, Klang­far­ben und mu­si­ka­li­sche Kon­tex­te im­mer neue Ge­stal­ten an­neh­men lässt, im Sin­ne der Zen-bud­dhis­ti­schen Vor­stel­lung, dass sich das Eine in viel­fäl­ti­gen Er­schei­nungs­for­men zeigt; so­wie die spek­ta­ku­lä­ren 33 Ver­än­de­run­gen über 33 Ver­än­de­run­gen, eine „kom­po­nier­te In­ter­pre­ta­ti­on“ der Dia­bel­li-Va­ria­tio­nen, in der Zen­der nicht auf Beet­ho­ven zu­rück­blickt, son­dern mit ihm über zwei Jahr­hun­der­te hin­weg in ei­nen ori­gi­nel­len und tief­grün­di­gen Dia­log tritt. Sein Ziel da­bei: his­to­ri­sche Mu­sik ih­rer mu­sea­len Er­star­rung zu ent­rei­ßen und ihre ur­sprüng­li­che Fremd­heit und Ra­di­ka­li­tät wie­der frei­zu­le­gen.

Auch Zen­ders le­bens­lan­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit Li­te­ra­tur wird hör- und sicht­bar. In Höl­der­lin le­sen III be­geg­net Zen­der Höl­der­lins Pat­mos-Hym­ne nicht als zu ver­to­nen­dem Text, son­dern als Denk­raum: Durch Aus­wahl, Frag­men­tie­rung und klang­li­che Trans­for­ma­ti­on ent­steht eine mu­si­ka­li­sche Les­art, die Fra­gen nach Spra­che, Er­in­ne­rung an an­ti­ke und christ­li­che Sinn- und Kul­tur­ord­nun­gen, Ab­we­sen­heit des Gött­li­chen so­wie mög­li­cher Wie­der­kunft des Gött­li­chen hör­bar macht. Ge­mein­sam mit dem Fa­brik Quar­tett er­öff­net die Sän­ge­rin und Schau­spie­le­rin Sa­lo­me Kam­mer ei­nen Klang­raum, in dem das Le­sen selbst zum mu­si­ka­li­schen Er­eig­nis wird.

Be­son­ders be­we­gend wird der Ab­schluss des Fes­ti­vals. Un­ter dem Ti­tel Zen­ders Frank­furt er­le­ben die Be­su­cher*in­nen im letz­ten Fes­ti­val­kon­zert v.a. Wer­ke von ehe­ma­li­gen Stu­die­ren­den – Kom­po­nist*in­nen, die Hans Zen­der auf un­ter­schied­li­che Wei­se ver­bun­den wa­ren und de­ren künst­le­ri­sche Wege von sei­nem Den­ken be­rührt wur­den. Zu­gleich ist die­ses Kon­zert dem An­denken an Chris­toph Schul­te ge­wid­met, der im No­vem­ber 2025 nach lan­ger Krank­heit ver­stor­ben ist.

Über Jahr­zehn­te ge­hör­te Chris­toph Schul­te zu den prä­gen­den Per­sön­lich­kei­ten der HfMDK. Zu­nächst ar­bei­te­te er als As­sis­tent von Hans Zen­der, mit dem er bei zahl­rei­chen Pro­duk­tio­nen und Live-Auf­füh­run­gen eng zu­sam­men­wirk­te. Als Lei­ter des ehe­ma­li­gen Live-Elek­tro­nik-Stu­di­os, lang­jäh­ri­ger Ton­meis­ter, hoch­ge­schätz­ter Kol­le­ge und künst­le­ri­scher Part­ner wirk­te er dann oft hin­ter den Ku­lis­sen und war für zahl­lo­se Pro­jek­te un­ver­zicht­bar. 

Wenn im letz­ten Fes­ti­val-Kon­zert Wer­ke von Hans Tho­m­al­la, Isa­bel Mund­ry, Rolf Riehm, Frank Ger­hardt und Dá­ni­el Pé­ter Biró er­klin­gen, dann wird da­mit nicht nur an Hans Zen­der er­in­nert. Sicht­bar wird auch ein weit ver­zweig­tes künst­le­ri­sches Netz­werk, das von sei­nen Im­pul­sen lebt und sie wei­ter­trägt. Die Hom­mage an Chris­toph Schul­te fügt die­sem Bild eine wei­te­re Per­spek­ti­ve hin­zu: die Er­in­ne­rung an ei­nen Mu­si­ker und Hoch­schul­kol­le­gen, des­sen Wir­ken für vie­le Ge­ne­ra­tio­nen von Stu­die­ren­den und Künst­le­rin­nen und Künst­lern prä­gend war.

„Den­ken hö­ren – Hö­ren den­ken“ ist des­halb mehr als ein Ge­burts­tags­fes­ti­val. Es ist eine Ein­la­dung, Hans Zen­der als ei­nen Künst­ler zu er­le­ben, des­sen Fra­gen nichts von ih­rer Ak­tua­li­tät ver­lo­ren ha­ben und des­sen Ideen bis heu­te wei­ter­klin­gen.

Die Ver­an­stal­tung „Hö­ren den­ken – Den­ken hö­ren“ ist ein Pro­jekt der HfMDK Frank­furt, ge­för­dert von der Hans und Ger­trud Zen­der Stif­tung und des In­sti­tuts für zeit­ge­nös­si­sche Mu­sik IzM der HfMDK. Die Auf­füh­rung des Wer­kes von Dá­ni­el Pé­ter Biró wird un­ter­stützt von der Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te und der Grieg Aca­de­my der Uni­ver­si­tät Ber­gen. 

Die ein­zel­nen Pro­gramm­for­ma­te so­wie das de­tail­lier­te Pro­gramm des Fes­ti­vals fin­den Sie hier 

 

lächelnd mit Taktstock

Hans Zender, Illustration 1

beide Arme oben

Hans Zender, Illustration 2

konzentrierter Gesichtsausdruck

Hans Zender, Illustration 3

Pres­se­kon­takt