20 Jahre MUSIK MONAT MAI: 20 Jahre Engagement – und jetzt?
Musikalische Bildung zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Vor 20 Jahren initiierte die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK) den „Tag der Schulmusik“. Daraus entstand der MUSIK MONAT MAI – heute ein stadtweites Kooperationsprojekt zahlreicher Frankfurter Kulturinstitutionen. Die ursprüngliche Idee ist bis heute hochaktuell: Allen Schüler*innen soll mindestens einmal im Jahr eine unmittelbare Live-Erfahrung mit Musik ermöglicht werden – als Ergänzung zu einem Musikunterricht, der schon damals unter Druck stand.
Zum Jubiläum richtet das Projekt den Blick nicht nur auf seine Erfolge, sondern auch auf die zunehmend schwierige Situation musikalischer Schulbildung in Hessen und bundesweit. Zwar ist Musik in Hessen ein Pflichtfach, die Realität an vielen Grundschulen zeigt jedoch ein strukturelles Defizit.
Laut der Bertelsmann-Studie „Musikunterricht in der Grundschule – Aktuelle Situation und Perspektiven“ (von 2020 mit Prognose auf 2028) werden in Hessen nur 77,5 Prozent der vorgesehenen Musikstunden tatsächlich erteilt. Rund 60 Prozent des Unterrichts finden fachfremd statt, an nahezu jeder dritten Grundschule fehlt eine ausgebildete Musiklehrkraft vollständig. Bis 2028 werden in Hessen voraussichtlich rund 2.800 Musiklehrkräfte fehlen.
»Musikalische Bildung in der Schule ermöglicht kulturelle Teilhabe und gesellschaftliche Mitgestaltung. Sie schafft Gemeinschaft und eröffnet Kindern Zugänge zu Kreativität und stärkt sie in ihrer Selbstwirksamkeit. Der MUSIK MONAT MAI zeigt seit zwei Jahrzehnten, welche Kraft gemeinsames musikalisches Erleben entfalten kann. Gerade in einer heterogenen Stadtgesellschaft ist es unsere gemeinsame Verantwortung, dass musikalische Bildung alle Kinder erreicht. «HfMDK-Präsident Prof. Elmar Fulda
Zugleich sieht Fulda die aktuellen hochschulpolitischen Entwicklungen kritisch: „Es ist ein bildungspolitischer Widerspruch, dass ausgerechnet in einem Bereich mit massivem Lehrkräftemangel die Ausbildungskapazitäten unter Druck geraten. Der neue Hessische Hochschulpakt erschwert die dringend notwendige Stärkung der Musik-Lehramtsausbildung, obwohl der Bedarf seit Jahren bekannt ist.“
»Musikalische Bildung ist weit mehr als das Erlernen musikalischer Fähigkeiten. Sie fördert Wahrnehmung, Ausdruck, soziale Teilhabe und demokratisches Miteinander – gerade in heterogenen Lerngruppen. Damit Musikunterricht diese Wirkung entfalten kann, braucht es jedoch qualifizierte Lehrkräfte. Wenn Ausbildungskapazitäten trotz des absehbaren Mangels nicht gestärkt werden, verschärft sich die strukturelle Krise musikalischer Bildung weiter.«Prof. Dr. Katharina Schilling-Sandvoß, Ausbildungsdirektorin Lehramt L1, L2, L5 und Professorin für Musikpädagogik an der HfMDK
Auch in Frankfurt verschärfen Lehrkräftemangel und strukturelle Defizite die Situation. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an Schulen in einer zunehmend diversen Stadtgesellschaft. „Unsere Klassen werden kulturell und sprachlich immer vielfältiger. Musik kann hier Brücken bauen, weil sie eine gemeinsame Sprache schafft – unabhängig von Herkunft oder Muttersprache“, sagt Christina Raab, Leiterin der Theobald-Ziegler-Schule in Frankfurt.
»Kinder brauchen Räume, in denen sie sich ausdrücken, gemeinsam erleben und gegenseitig wahrnehmen können. Musikalische Bildung leistet dafür einen unverzichtbaren Beitrag und muss deshalb ein fester Bestandteil schulischer Bildung bleiben.«Christina Raab, Leiterin der Theobald-Ziegler-Schule in Frankfurt
“Ganztag” eine historische Chance für kulturelle Bildung – oder der Moment, in dem Musik endgültig an den Rand gedrängt wird?
Mit dem bundesweiten Ganztagsanspruch ab 2026 steht die kulturelle Bildung vor einem entscheidenden Moment. Der Ausbau der Ganztagsangebote wird darüber entscheiden, welchen Stellenwert Musik und Kultur künftig im Schulalltag einnehmen.
Dabei geht es um weit mehr als ein einzelnes Schulfach: Musikalische Bildung schafft Zugänge zu Kultur, fördert Gemeinschaft und stärkt kreative Ausdrucks- und Beteiligungsmöglichkeiten. Zugleich ist sie ein zentraler Pfeiler einer vielfältigen Musik- und Kulturlandschaft – von Schulen und Musikschulen über Chöre und Orchester bis hin zu freien Kulturträgern.
Ohne verbindliche Strukturen, ausreichend qualifizierte Lehrkräfte und verlässliche Kooperationen droht jedoch eine weitere Verdrängung musikalischer Angebote.
Deshalb muss sich die Politik diesen drei zentralen Forderungen stellen:
1. Musikunterricht verbindlich sichern
Die Stundentafel Musik muss in allen Schulstufen konsequent umgesetzt werden. Musikangebote müssen zudem verbindlich im Ganztag verankert werden – ergänzend zum regulären Unterricht. Musik darf nicht länger faktisch zum Ausfallfach werden.
2. Qualifizierte Lehrkräfte ausbilden und stärken
Um dem dramatischen Lehrkräftemangel entgegenzuwirken, muss die Lehramtsausbildung Musik trotz der Kürzungen im Hessischen Hochschulpakt ausgebaut werden. Benötigt werden mehr Studienplätze, zeitgemäße Bachelor- und Masterstudiengänge sowie attraktivere Arbeitsbedingungen und stärkere Teamstrukturen an Schulen, um fachfremd erteilten Unterricht nachhaltig zu reduzieren.
3. Kulturelle Kooperationen dauerhaft absichern
Die Zusammenarbeit von Schulen mit Hochschulen, Musikschulen, Orchestern, Chören und freien Kulturträgern muss langfristig strukturell verankert werden. Projekte wie der MUSIK MONAT MAI sind nur durch langfristige Partnerschaften und verlässliche Förderung möglich. Kulturelle Bildung braucht nicht nur Engagement, sondern auch stabile finanzielle Rahmenbedingungen. Was der MUSIK MONAT MAI seit vielen Jahren erfolgreich ermöglicht, darf kein punktuelles Engagement bleiben, sondern muss Teil einer nachhaltigen Bildungsstrategie werden.
Der MUSIK MONAT MAI zeigt seit 20 Jahren, was möglich ist. Die entscheidende Frage lautet jetzt: Wie wird aus langjährigem Engagement eine verbindliche Struktur?
MUSIK MONAT MAI: Die Kooperationspartner
Der MUSIK MONAT MAI 2026 ist ein Kooperationsverbund von: Alte Oper Frankfurt, Archiv Frau und Musik, Bridges Kammerorchester, Dr. Hoch's Konservatorium, Ensemble Modern, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt am Main und Offenbach, FMW Frankfurter Musikwerkstatt, Frankfurter Museumsgesellschaft, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, hr-Sinfonieorchester, hr-Bigband, Internationale Ensemble Modern Akademie, JIMSS-Jazz und Improvisierte Musik in die Schule!, Momem-Museum of Modern Electronic Music, Musikschule Bergen-Enkheim e.V., Musikschule Frankfurt e.V., Oper Frankfurt, polyLens e.V. - Verein für transkulturell-klanglichen Austausch und Dialog, Schülerkonzerte der Stadt Frankfurt, Spiel-Orgel!, Waggong e.V. Ermöglicht wird diese Zusammenarbeit durch die Stiftung der Frankfurter Sparkasse und der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen.
2006 initiierte die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK) den 1. Tag der Schulmusik mit einem Aktionstag. 2010 waren es bereits fünf Tage, seit 2012 ein ganzer Monat, an dem nahezu alle Frankfurter Musikinstitutionen mitwirken und Unterrichts-, Workshop- und Vortragsangebote rund um die Musik in die Schulen bringen. Mittlerweile eine Erfolgsgeschichte: In den vergangenen Jahren machten jeden Mai etwa 300 Musiker*innen ehrenamtlich für rund 5.000 Schüler*innen aus jeweils durchschnittlich 60 Frankfurter Schulen Musik zum Live-Erlebnis, 2025 waren es über 6.000 Schüler*innen aus 63 Schulen - in diesem Jahr sind es gut 7.000 Schüler*innen aus 76 Schulen. Und die Nachfrage steigt seit Jahren kontinuierlich.

Musik Monat Mai 2026, Theobald-Ziegler-Schule

Musik Monat Mai 2026, Theobald-Ziegler-Schule_3
