Studiojahr Schauspiel 2026/27
Solange die Menschheit an Gott und ein Jenseits glaubte, war das Leben im Diesseits eine einfache Angelegenheit: Egal wie erfüllt oder misslungen es erschien, es blieb ein Vorspann für das große „Danach“. Doch die Ablösung dieses Glaubens durch die kapitalistische Idee, möglichst schnell möglichst viel aus dem eigenen Leben heraus zu holen und dabei ständig Spaß zu haben, sehr gut auszusehen und durch Fitnessroutinen der eigenen Sterblichkeit ein Schnippchen zu schlagen, zeichnet Liv Strömquist mit viel Witz und Intellekt in ihrer Graphic Novel Das Orakel spricht. Dabei seziert sie nicht nur den kometenhaften Aufstieg des Expert*entums im Allgemeinen, sondern swipt genauso virtuos zwischen Ronald Reagans Astrologin, Influencern der Manosphere und den Ziegen des Orakels von Delphi. Das innere Kind wird gesucht, Hartmut Rosa fährt Rolltreppe und die Verwandlung dessen, was früher einfach „Leben“ hieß, in bewertbare Leistungsbereiche wird mit aller Konsequenz durchgespielt.