VERGANGENHEIT ERFORSCHEN – ZUKUNFT GESTALTEN
Was verrät eine alte Partitur über die Musik, die heute auf der Bühne erklingt? Und was kann eine digitale Edition leisten, was ein gedrucktes Notenbuch nicht kann? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Prof. Dr. Adrian Kuhl. Seit Oktober 2026 ist er Inhaber der gemeinsam von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK) getragenen Akademieprofessur für „Musikwissenschaft mit Schwerpunkt Editionsphilologie und Methoden digitaler Musikedition“. Damit bringt Prof. Dr. Adrian Kuhl sein Forschungsfeld mitten in die künstlerische Ausbildung.
Denn an der HfMDK trifft er auf diejenigen, für die Musik am Ende nicht nur Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung ist: auf Instrumentalist*innen, Sänger*innen, Komponist*innen und Tänzer*innen. Kuhl möchte den Austausch zwischen Wissenschaft und künstlerischer Praxis stärken und zeigen, wie die Beschäftigung mit historischen Quellen neue Perspektiven auf Interpretation, Aufführung und zeitgenössisches Musikschaffen eröffnen kann.
Adrian Kuhls Forschungsschwerpunkte reichen von der deutschsprachigen Oper des 18. Jahrhunderts über das westdeutsche Ballett der 1950er Jahre und die Musik des 20. Jahrhunderts bis zur Musikphilologie und digitalen Edition. Gerade Oper und Ballett bieten dabei unmittelbare Anknüpfungspunkte an die HfMDK: Wie wurden Werke ursprünglich gedacht? Welche Fassungen sind überliefert? Und was verändert sich, wenn wir historische Quellen mit den Augen heutiger Künstler*innen betrachten?
Seit 2016 leitet Kuhl die Arbeitsstelle der Bernd Alois Zimmermann-Gesamtausgabe an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er studierte Musikwissenschaft, Deutsche Philologie und Philosophie in Heidelberg, wurde dort 2013 promoviert und habilitierte sich 2024 in Frankfurt.
Von der historischen Quelle zur künstlerischen Praxis
Musikphilologie klingt zunächst nach Archiv und alten Dokumenten. Für Kuhl ist sie aber vor allem ein Werkzeug, um genauer hinzusehen und hinzuhören. Wissenschaftlich geprüfte Editionen machen sichtbar, wie ein Werk überliefert ist, welche Quellen existieren und wo unterschiedliche Fassungen oder Lesarten aufeinandertreffen.
»Insbesondere die Möglichkeiten digitaler Edition eröffnen neue Wege, Musik zu erforschen, zu vermitteln und zugänglich zu machen. «Prof. Dr. Adrian Kuhl
Für Studierende kann daraus mehr entstehen als Wissen über Musikgeschichte. Wer Quellen vergleichen und die Entstehung eines Werktextes nachvollziehen kann, gewinnt neue Möglichkeiten, sich mit einem Werk auseinanderzusetzen – und vielleicht auch die eigene Interpretation zu hinterfragen. Umgekehrt bringt die künstlerische Praxis neue Fragen in die wissenschaftliche Arbeit ein.
Von Zimmermann zur Musik der Gegenwart
Ein wichtiges Arbeitsfeld Kuhls ist die Bernd Alois Zimmermann-Gesamtausgabe. Zimmermann gehört zu den prägenden Komponisten nach 1945; seine Werke sind längst Teil des heutigen Konzert- und Opernlebens. An seiner Musik lässt sich deshalb exemplarisch zeigen, wie eng historische Forschung und Gegenwart verbunden sein können.
Auch die HfMDK mit ihrem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik bietet dafür ein besonderes Umfeld.
»Vergangenheit und Zukunft rücken hier also ganz nah zueinander.«Prof. Dr. Adrian Kuhl
Das gilt auch für seine Beschäftigung mit neuer Musik. Wo ungewohnte Klänge zunächst irritieren, kann wissenschaftliche Auseinandersetzung helfen, Fragen zu stellen: Wie ist ein Werk gebaut? In welchem historischen oder gesellschaftlichen Zusammenhang ist es entstanden? Welche kompositorischen Entscheidungen stehen dahinter? Aus Irritation kann so Neugier werden – und im besten Fall Begeisterung.
Kuhl setzt dabei weniger auf fertige Antworten als auf eine Haltung: „Vor allem eine interessierte Offenheit vor dem thematischen Gegenstand und die Bereitschaft, vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen.“
Genau darin liegt das besondere Potenzial seiner Professur an der HfMDK: historische Quellen ernst nehmen, digitale Möglichkeiten nutzen und gemeinsam mit Künstler*innen danach fragen, was Musik heute und morgen bedeuten kann.

