„Street of Cro­co­di­les“ – Das En­sem­ble Neue Mu­sik ed. 2025 stellt sich vor

Illustration einer Erdbeere, die sehr künstlich wirkt.
(Foto: Lisa Mahlberg)

Mit einem Werk von Liza Lim und einer Uraufführung von Janghee Lee aus der Kompositionsklasse der HfMDK.

HfMDK, Kleiner SaalEschersheimer Landstraße 29,60322 Frankfurt am Main Auf Karte anzeigen
Neue Musik Nacht: Gesamtprogramm

Jang­hee Lee (*1993): „Schnau­fen­des Räd­chen ei­nes Ta­ges“ (2024-2025) (ca. 10') UA
I. Am Mor­gen am Haupt­bahn­hof | II. Mahl­zeit | III. Klick, Plopp, Schlürf und Klick | IV. Nacht
Vi­vi­en Schwarz, Flö­te | Jean­ne De­gos, Oboe | Max Ro­meo, Alt Sa­xo­phon | Ko­ryu Ha­se­ga­wa, Horn | Ma­nu­el Duppel, Alt-Po­sau­ne | Ting­wei Jiang, Per­cus­sion | Ja­vier Cuen­ca, Gi­tar­re | El­vi­ra Stre­va, Kla­vier | Su­zu­ne Ma­su­m­o­to, Vio­li­ne | So­fi­ya Nik­an­ora­va, Vio­la | Ali­ce Bo­na­mo­re, Vio­lon­cel­lo
Lena Yeeun Oh, Mu­si­ka­li­sche Lei­tung
 

Liza Lim (*1966): „Street of Cro­co­di­les“ für neun In­stru­men­te (1995) (14‘)
Vi­vi­en Schwarz, Flö­te | Jean­ne De­gos, Oboe | Max Ro­meo, Alt Sa­xo­phon | Ma­nu­el Duppel, Alt-Po­sau­ne | Mat­thi­as Würsch, Cym­ba­lon | Su­zu­ne Ma­su­m­o­to, Vio­li­ne | So­fi­ya Nik­an­ora­va, Vio­la | Ali­ce Bo­na­mo­re, Vio­lon­cel­lo | Iris Wer­hahn, Ba­rock­cel­lo
Phil­ipp Schnei­der, Mu­si­ka­li­sche Lei­tung

Das En­sem­ble Neue Mu­sik der HfMDK ist eine neue For­ma­ti­on, die sich je­des neue Se­mes­ter bil­det, um ge­mein­sam zeit­ge­nös­si­sche En­sem­ble­wer­ke und zen­tra­le Stü­cke im Re­per­toire des 20. und 21. Jahr­hun­derts zu er­ar­bei­ten. Im heu­ti­gen Kon­zert prä­sen­tiert die Erst­auf­la­ge ein Werk der Stif­tungs­gast­pro­fes­so­rin Kom­po­si­ti­on Liza Lim, das in den drei Ar­beits­in­seln ge­mein­sam er­ar­bei­tet wur­de, so­wie eine Ur­auf­füh­rung von Jang­hee Lee, ei­nem Stu­die­ren­den der Kom­po­si­ti­ons­klas­se der HfMDK.

Jang­hee Lee, wur­de am 1. Ja­nu­ar 1993 in Seo­ul, Süd­ko­rea, ge­bo­ren und be­gann sei­ne mu­si­ka­li­sche Lauf­bahn im Al­ter von sechs Jah­ren mit Kla­vier­un­ter­richt bei ei­ner äl­te­ren Dame in ei­ner ört­li­chen Mu­sik­schu­le. Spä­ter ab­sol­vier­te er die De­ok­won Kunst­ober­schu­le mit dem Haupt­fach Kom­po­si­ti­on und setz­te sein Stu­di­um an der Chung-Ang-Uni­ver­si­tät fort, wo er sei­nen Ba­che­lor in Kom­po­si­ti­on er­warb. Der­zeit stu­diert er Mas­ter Kom­po­si­ti­on an der HfMDK bei Prof. Orm Fin­nen­dahl und Prof. Dr. Ul­rich Alex­an­der Krepp­ein. Nor­ma­ler­wei­se schreibt er Mu­sik über ge­sell­schaft­li­che Pro­ble­me, se­xu­el­le The­men und sol­che, die sel­ten an­ge­spro­chen wer­den. Er schreibt zu sei­nem neu­en Werk:

„Ich dach­te, dass die un­be­wuss­ten Ge­räu­sche, die der Mensch er­zeugt, die na­tür­lichs­ten Klän­ge und der Na­tur am nächs­ten sind, die er her­vor­brin­gen kann. Die­se Ge­räu­sche sind in­stink­tiv und schwer be­wusst zu kon­trol­lie­ren – dazu ge­hö­ren Hus­ten, Nie­sen, Rülp­sen, Schluck­auf, Furz, Zäh­ne­knir­schen und Schnar­chen.
In die­sem Stück ste­hen un­be­wuss­te und be­wuss­te Ge­räu­sche teils in re­gel­mä­ßi­gem, teils in un­re­gel­mä­ßi­gem Kon­trast zu­ein­an­der oder bil­den auf un­er­war­te­te Wei­se eine selt­sa­me, ei­gen­ar­ti­ge Har­mo­nie. Zu­dem wird auch die Re­ak­ti­on auf die­se un­be­wuss­ten Ge­räu­sche, also die kri­ti­schen Bli­cke der Um­ge­bung, mu­si­ka­lisch dar­ge­stellt.
Die In­spi­ra­ti­on zu die­sem Stück er­hielt ich zu Be­ginn des letz­ten Se­mes­ters, als ich an Co­ro­na er­krank­te und für ei­ni­ge Zeit mit Mas­ke hus­tend zur Hoch­schu­le ging. Die Bli­cke der Men­schen in der S-Bahn, auf der Stra­ße und in der Hoch­schu­le präg­ten mein Emp­fin­den. In die­sen Mo­men­ten fühl­te ich mich wie ein ein­zel­nes, schnau­fen­des Räd­chen zwi­schen vie­len an­de­ren Zahn­rä­dern.
Auf die­se Wei­se setz­te ich mich in die­sem Stück in­ten­siv mit den in­stink­ti­ven Ge­räu­schen so­wie der durch sie her­vor­ge­ru­fe­nen Fremd­heit im all­täg­li­chen Le­ben der Men­schen aus­ein­an­der. Zu­dem stell­te ich mir die Fra­ge, wel­che Wir­kung es auf die Men­schen hat, wenn na­tür­li­che mensch­li­che Ge­räu­sche, die in ver­schie­de­nen Räu­men und Si­tua­tio­nen nicht mehr als na­tür­lich wahr­ge­nom­men wer­den, mu­si­ka­lisch ver­frem­det in­ter­pre­tiert wer­den.“ TEXT: JANG­HEE LEE

„Street of cro­co­di­les“ von Liza Lim wur­de 1995 in der Al­ten Oper Frank­furt vom En­sem­ble Mo­dern un­ter der Lei­tung von Ingo Metz­ma­cher ur­auf­ge­führt. Die Kom­po­nis­tin schreibt zum Stück:

„Dort öff­nen sich tief im In­ne­ren ei­ner Stadt ge­spie­gel­te Stra­ßen, Stra­ßen, die dop­pelt sind, Schein­stra­ßen. Die ver­zau­ber­te und ir­re­ge­führ­te Vor­stel­lungs­kraft er­schafft il­lu­so­ri­sche Kar­ten der schein­bar ver­trau­ten Stadt­vier­tel, Kar­ten, auf de­nen die Stra­ßen ihre rich­ti­gen Plät­ze und üb­li­chen Na­men ha­ben, aber durch den un­er­schöpf­li­chen Er­fin­dungs­reich­tum der Nacht mit neu­en und fik­ti­ven Kon­fi­gu­ra­tio­nen ver­se­hen wer­den. Auf die­ser Kar­te, die im Stil ba­ro­cker Pan­ora­men ge­stal­tet war, leuch­te­te das Ge­biet der Stra­ße der Kro­ko­di­le in ei­nem lee­ren Weiß, das nor­ma­ler­wei­se Po­lar­ge­bie­te oder un­er­forsch­te Län­der kenn­zeich­net, über die nichts be­kannt ist. (BRU­NO SCHULZ, Die Stra­ße der Kro­ko­di­le)

Die In­stru­men­te in mei­nem Werk „Street of Cro­co­di­les“ sind wie die selt­sa­men, sich ver­wan­deln­den Cha­rak­te­re und Sze­nen in Bru­no Schul­z' tur­bu­len­ter fik­tio­na­ler Welt, in der die Ele­men­te Nost­al­gie, Hu­mor, Ag­gres­si­on und Pa­thos auf­ein­an­der­pral­len.  Ein Ba­rock­cel­lo ver­sucht ver­zwei­felt, sich in sei­ner ei­ge­nen Stimm­welt den an­de­ren Sai­ten­in­stru­men­ten an­zu­schlie­ßen; Gei­ge und Brat­sche spie­len ein Über­bie­tungs­spiel in ei­nem Hoch­seil­akt; Sa­xo­phon und Alt­po­sau­ne drän­geln sich, ver­bin­den sich und tren­nen sich wie­der, wäh­rend das kla­gen­de un­ga­ri­sche Cym­ba­lom an sei­ne Sin­ti-und-Roma-Wur­zeln er­in­nert.“ TEXT: LIZA LIM, 1995

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