„Street of Crocodiles“ – Das Ensemble Neue Musik ed. 2025 stellt sich vor

Janghee Lee (*1993): „Schnaufendes Rädchen eines Tages“ (2024-2025) (ca. 10') UA
I. Am Morgen am Hauptbahnhof | II. Mahlzeit | III. Klick, Plopp, Schlürf und Klick | IV. Nacht
Vivien Schwarz, Flöte | Jeanne Degos, Oboe | Max Romeo, Alt Saxophon | Koryu Hasegawa, Horn | Manuel Duppel, Alt-Posaune | Tingwei Jiang, Percussion | Javier Cuenca, Gitarre | Elvira Streva, Klavier | Suzune Masumoto, Violine | Sofiya Nikanorava, Viola | Alice Bonamore, Violoncello
Lena Yeeun Oh, Musikalische Leitung
Liza Lim (*1966): „Street of Crocodiles“ für neun Instrumente (1995) (14‘)
Vivien Schwarz, Flöte | Jeanne Degos, Oboe | Max Romeo, Alt Saxophon | Manuel Duppel, Alt-Posaune | Matthias Würsch, Cymbalon | Suzune Masumoto, Violine | Sofiya Nikanorava, Viola | Alice Bonamore, Violoncello | Iris Werhahn, Barockcello
Philipp Schneider, Musikalische Leitung
Das Ensemble Neue Musik der HfMDK ist eine neue Formation, die sich jedes neue Semester bildet, um gemeinsam zeitgenössische Ensemblewerke und zentrale Stücke im Repertoire des 20. und 21. Jahrhunderts zu erarbeiten. Im heutigen Konzert präsentiert die Erstauflage ein Werk der Stiftungsgastprofessorin Komposition Liza Lim, das in den drei Arbeitsinseln gemeinsam erarbeitet wurde, sowie eine Uraufführung von Janghee Lee, einem Studierenden der Kompositionsklasse der HfMDK.
Janghee Lee, wurde am 1. Januar 1993 in Seoul, Südkorea, geboren und begann seine musikalische Laufbahn im Alter von sechs Jahren mit Klavierunterricht bei einer älteren Dame in einer örtlichen Musikschule. Später absolvierte er die Deokwon Kunstoberschule mit dem Hauptfach Komposition und setzte sein Studium an der Chung-Ang-Universität fort, wo er seinen Bachelor in Komposition erwarb. Derzeit studiert er Master Komposition an der HfMDK bei Prof. Orm Finnendahl und Prof. Dr. Ulrich Alexander Kreppein. Normalerweise schreibt er Musik über gesellschaftliche Probleme, sexuelle Themen und solche, die selten angesprochen werden. Er schreibt zu seinem neuen Werk:
„Ich dachte, dass die unbewussten Geräusche, die der Mensch erzeugt, die natürlichsten Klänge und der Natur am nächsten sind, die er hervorbringen kann. Diese Geräusche sind instinktiv und schwer bewusst zu kontrollieren – dazu gehören Husten, Niesen, Rülpsen, Schluckauf, Furz, Zähneknirschen und Schnarchen.
In diesem Stück stehen unbewusste und bewusste Geräusche teils in regelmäßigem, teils in unregelmäßigem Kontrast zueinander oder bilden auf unerwartete Weise eine seltsame, eigenartige Harmonie. Zudem wird auch die Reaktion auf diese unbewussten Geräusche, also die kritischen Blicke der Umgebung, musikalisch dargestellt.
Die Inspiration zu diesem Stück erhielt ich zu Beginn des letzten Semesters, als ich an Corona erkrankte und für einige Zeit mit Maske hustend zur Hochschule ging. Die Blicke der Menschen in der S-Bahn, auf der Straße und in der Hochschule prägten mein Empfinden. In diesen Momenten fühlte ich mich wie ein einzelnes, schnaufendes Rädchen zwischen vielen anderen Zahnrädern.
Auf diese Weise setzte ich mich in diesem Stück intensiv mit den instinktiven Geräuschen sowie der durch sie hervorgerufenen Fremdheit im alltäglichen Leben der Menschen auseinander. Zudem stellte ich mir die Frage, welche Wirkung es auf die Menschen hat, wenn natürliche menschliche Geräusche, die in verschiedenen Räumen und Situationen nicht mehr als natürlich wahrgenommen werden, musikalisch verfremdet interpretiert werden.“ TEXT: JANGHEE LEE
„Street of crocodiles“ von Liza Lim wurde 1995 in der Alten Oper Frankfurt vom Ensemble Modern unter der Leitung von Ingo Metzmacher uraufgeführt. Die Komponistin schreibt zum Stück:
„Dort öffnen sich tief im Inneren einer Stadt gespiegelte Straßen, Straßen, die doppelt sind, Scheinstraßen. Die verzauberte und irregeführte Vorstellungskraft erschafft illusorische Karten der scheinbar vertrauten Stadtviertel, Karten, auf denen die Straßen ihre richtigen Plätze und üblichen Namen haben, aber durch den unerschöpflichen Erfindungsreichtum der Nacht mit neuen und fiktiven Konfigurationen versehen werden. Auf dieser Karte, die im Stil barocker Panoramen gestaltet war, leuchtete das Gebiet der Straße der Krokodile in einem leeren Weiß, das normalerweise Polargebiete oder unerforschte Länder kennzeichnet, über die nichts bekannt ist. (BRUNO SCHULZ, Die Straße der Krokodile)
Die Instrumente in meinem Werk „Street of Crocodiles“ sind wie die seltsamen, sich verwandelnden Charaktere und Szenen in Bruno Schulz' turbulenter fiktionaler Welt, in der die Elemente Nostalgie, Humor, Aggression und Pathos aufeinanderprallen. Ein Barockcello versucht verzweifelt, sich in seiner eigenen Stimmwelt den anderen Saiteninstrumenten anzuschließen; Geige und Bratsche spielen ein Überbietungsspiel in einem Hochseilakt; Saxophon und Altposaune drängeln sich, verbinden sich und trennen sich wieder, während das klagende ungarische Cymbalom an seine Sinti-und-Roma-Wurzeln erinnert.“ TEXT: LIZA LIM, 1995