Ibuki – Atem
Toshio Hosokawa (1955*): „Ibuki“ (Atem) für Viola solo (2016)
Gérard Grisey (1946-1998): „Prologue“ für Viola (1976)
Miho Kawai, Viola und Moderation (ca. 40‘)
Natur und ich
Das japanische Wort 息吹き (Ibuki) setzt sich aus den Zeichen 息 (Atem) und 吹く(blasen, wehen) zusammen. Es bedeutet mehr als „atmen“ — es ist ein Wort, das die Dynamik des Lebens symbolisiert. Zum Beispiel beschreibt 春の息吹き (haru no ibuki) die ersten Regungen des Frühlings, wie das Auftauen des Schnees oder das Sprossen neuer Pflanzen. Wie schön ist es doch, dass Ibuki, das für unser Leben essenziell ist, im selben Zusammenhang mit der Energie und Schönheit der Natur steht.
In den letzten Jahren wird das Verhältnis zwischen Mensch und Natur zunehmend diskutiert, vor allem im Kontext ökologischer Herausforderungen. Wichtiger als der Dualismus „Mensch vs. Natur“ ist hier jedoch die Erkenntnis, dass wir selbst ein Teil der Natur sind. Vielleicht lohnt es sich, unser Verständnis davon zu erweitern.
Heute nehme ich diese Perspektive auf und stelle zwei Werke von Komponisten aus Ost und West vor, die Atem und Herzschlag thematisieren. Lasst uns unserem Atem und Herzschlag lauschen, — so wie wir den Stimmen eines plätschernden Bachs oder zwitschernder Vögel unsere Aufmerksamkeit schenken. Durch das bewusste Zuhören möchte ich gemeinsam mit Ihnen über eine natürliche Verbundenheit mit der Natur nachdenken.
Toshio Hosokawa (*1955) zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten Japans. 1976 kam er nach Berlin, um bei Isang Yun zu studieren. Nach sieben Jahren setzte er sein Studium in Freiburg zunächst bei Brian Ferneyhough und anschließend bei Klaus Huber fort. Während seines Aufenthalts in Europa wurde ihm erneut bewusst, wo seine kulturellen und künstlerischen Wurzeln liegen. Seitdem pendelt er zwischen Japan und Deutschland, entwickelt seine eigene musikalische Sprache weiter, indem er westliche Kompositionstechniken mit der japanischen Tradition verbindet.
"Ibuki" (2016) ist ein Auftragswerk für Axel Porath, den Bratschisten des Ensemble Musikfabrik.
Gérard Grisey (1946-1998) gilt als einer der zentralen Vertreter der Spektralmusik.
1973 gründete er gemeinsam mit Tristan Murail und anderen das Ensemble L’Itinéraire in Paris. Ziel war es, mithilfe von Spektrogrammen klangliche und akustische Phänomene zu analysieren und diese Erkenntnisse in ihre Kompositionen einzubringen. Diese ästhetische Bewegung — bekannt als Spektralmusik — entstand als Reaktion auf die strengen Prinzipien des seriellen Musikdenkens der 1960er Jahre. Sie strebte eine Rückkehr zur sinnlichen Wahrnehmung an, legte den Fokus auf kontinuierliche Klangprozesse und stellte das Hörerlebnis in den Mittelpunkt.
"Prologue" (1976) ist das erste Werk aus dem sechsteiligen Zyklus "Les espaces acoustiques". Die Komposition basiert auf einer Obertonreihe mit dem Grundton E und entfaltet sich in einen musikalischen Dialog zwischen zwei Motiven, die „Atem“ und „Herzschlag“ symbolisieren.
In diesem Stück wird die tiefste Saite der Bratsche, das C, auf H gestimmt – den dritten Oberton von E. Diese Skordatur sowie die auf der Obertonreihe basierenden Mikrotöne verstärken die Resonanz des Instruments und erzeugen akustische Effekte, die normalerweise nicht auf der Bratsche hörbar sind.
TEXT: MIHO KAWAI