„Atlas Eclipticalis“ mit dem IEMA-Ensemble

1958 veröffentlichte der tschechische Astronom Antonín Bečvář den „Atlas eclipticalis“, ein großformatiges Buch mit Zeichnungen des Sternenhimmels. Einige Jahre später projizierte John Cage diesen berühmten Sternenatlas auf Notenpapier und übertrug so die Positionen der Himmelskörper in musikalische Prozesse. Dabei ließ Cage die meisten kompositorischen Parameter weitestgehend unbestimmt, sodass den Interpret*innen ein hohes Maß an eigenverantwortlicher Gestaltung und kreativen Freiräume zukommt. Während die Tonhöhen klar markiert sind, bleibt die Wahl der Notenschlüssel frei. Tempo, Metrum, Dauer und rhythmische Struktur sind gar nicht oder nur rudimentär angegeben. Lediglich die Lautstärkeverhältnisse werden durch die Dicke der Tonköpfe im Notenbild visualisiert – analog zur Leuchtkraft der Sterne.
Die zeitliche Koordination des Stimmengefüges liegt (bei größerer Stimmenzahl) beim Dirigenten, der die Kreisbewegung einer Uhr simuliert und dabei eine Zeitstrecke von zwei Minuten für jedes System anzeigt, die er wiederum in 30 Sekundenabschnitte einteilt.
Innerhalb dieser Zeitfenster müssen bestimmte Klangmodule realisiert werden. Cage entwickelte so 86 individuelle Instrumentalstimmen aus, die flexibel, solistisch oder in bestimmten Klanggruppen kombinierbar sind. 2023 erarbeitete Ensemble Modern-Mitglied Hermann Kretzschmar eine Bearbeitung von „Atlas Eclipticalis“ als Konzertinstallation. Dazu spielte das Ensemble Modern unterschiedliche Versionen und Instrumentenkombinationen ein, die bei einer Aufführung via Sampling live abgemischt und in der heutigen Fassung mit den Live-Klängen des IEMA-Ensemble kombiniert werden. In die Installation eingebunden ist zudem die Aufführung von John Cages ganz ähnlich konzipierter „Winter Music“ (1957). Sie besteht aus 20 Seiten, die von einer beliebigen Anzahl von Pianist*innen – von 1 bis 20 – gespielt werden können. Für eine Aufführung können beliebig viele Seiten in beliebiger Reihenfolge verwendet werden.